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auch im höchsten Sinne, mehr Kunststücke als Schöpfungendes Wissens waren.
Da wurde, am Todestage Michel Angelo’s, Galileo Galilei geboren.
Als junger Student der Medicin, während eines schwülenNachmittags-Gottesdienstes im Dom zu Pisa über eine Vorrich-tung zum Messen der Pulsgeschwindigkeit nachgrübelnd, bemerkteer, dafs die langsamen Schwingungen einer, hoch vom Gewölbeder Kirche herabhängenden Ampel sich stets in derselben Zeitvollzogen, mochte der Bogen, in dem der Luftzug sie bewegte,gröfser oder kleiner sein.
Mit dieser einfachen Beobachtung war die Thür zum Heilig-thume der inductiven Wissenschaften, die Bahn zur Entdeckungdes wichtigsten aller Naturgesetze, dem der Schwere, geöffnet.
Galilei’s grofser Zeitgenosse, Kepler , folgte der Spur diesesGesetzes auf der Bahn des Planeten Mars , und wenn er auchden wirklichen Schatz nicht hob, so führten ihn doch seine Mühenzur unsterblichen Entdeckung der Fundamental-Gesetze der Pla-neten-Bewegung. Isaak Newton , einer der mächtigsten Geisteraller Zeiten, wurde zum Nachdenken über das Gesetz durch denFall eines Apfels vom Baume gereizt, und war der Glückliche,den die Vorsehung zum Dolmetsch eines ihrer gröfsten Schöpfungs-geheimnisse machte.
Durch die vom Schwünge einer Ampel, dem Laufe einesSterns, dem Fall eines Apfels angeregte Arbeit dreier geistigerColosse wurde dargethan, dafs alle freie Bewegung im Himmelund auf Erden, sei es die eines von Kinderhand geworfenenBalles, oder die um einander kreisender Sonnensysteme, dem-selben unwandelbaren Principe folge. Das Grundgesetz desKosmos war erforscht und die Wissenschaft begründet, auf diefortan das Amt der Entlastung der Geistesarbeit von der Körper-lichkeit übergehen sollte, die Mechanik.
Mit dieser Begründung war den inductiven Wissenschaftenauch die leitende Stellung gesichert, die sie in der civilisatorischenThätigkeit der modernen Welt einnehmen und die ihnen, als denRepräsentanten des positiven Wissens, nach dem Abwelken desDogmaglaubens, zufallen mufste.
Durch ihre Hülfe hatte diese moderne Welt fortan auch dieihrem Genius specifisch congeniale Lösung des grofsen Problems