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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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auf dieses Gebiet nicht folgen kann. Sollten jedoch seine Be-fürchtungen begründet sein, so wäre ein Colonialbesitz sichernoch mehr gefährdet, denn es ist schwer einzusehen, wie eineFlotte, die zum Verfaulen in unseren Häfen bestimmt ist, imStande wäre, eine Colonie zu schützen. Eine Zersplitterung unsererWehrkräfte nach Colonien hingegen würde unsere eigene Landes-vertheidigung schädigen. Für technisch maritime Zwecke sindnach Herrn Fabri Flottenstationen ausreichend, er scheidet sie vonder Colonisationsfrage sorgfältig aus.

Dafs sich innerhalb unserer jungen, aufstrebenden Kriegsflotteder Wunsch nach Colonialbesitz regt, ist nicht zu verwundern. Inden Berichten der Schiffscommandeure über die Südseeinseln andas auswärtige Amt kann man ihn oft zwischen den Zeilenlesen. Ein Colonialbesitz würde ihr einen vermehrten Einflufsund eine gesteigerte Bedeutung gewähren. Jeder Stand ist be-strebt weitgehende Ansprüche für seine besondere Zwecke zuerheben und sich in den Vordergrund zu drängen; die Berechti-gung solcher Einzelbestrebungen dem grofsen Ganzen gegenüberabzuwägen ist hingegen die Aufgabe des Staates. Sollte sichdaher, wie Herr Fabri behauptet, die öffentliche Stimmung zuGunsten der Colonisation geändert haben, so können wir sie wegender Hinfälligkeit der von ihm aufgeführten Gründe nicht als mafs-gebend anerkennen. Es ist jedoch keineswegs sicher, dafs dieserUmschwung wirklich existirt. Die politische Presse wenigstenshat in der Mehrzahl ihrer unabhängigen Organe jene Sympathiennur spärlich gezeigt, wohingegen gewichtige Stimmen sich gegendie Colonisations-Projecte erklärt haben.

Die Grundzüge in der Auffassung des Herrn E. v. Webersind ähnlicher Natur wie die des Herrn Fabri. Schon derTitel des Buches «Ein dringendes Gebot unserer wirthschaftlichenNotlage» beweist, dafs er von ähnlichen Voraussetzungen aus-gegangen ist. In dem Capitel, betitelt «Die Enge des deutschenWirthschaftsgebiets und ihre Folgen» behauptet er, dafs wflr an-statt eine der Zunahme der Arbeiterbevölkerung entsprechende,verhältnifsmäfsige Ausdehnung unseres Wirtschaftsgebietes zugewinnen, im Gegenteile eine Verminderung unserer Absatz-märkte erlitten hätten. Eigentliche Beweise für diese, als Thatsacheniedergelegte Ansicht liefert er nicht. Er führt nur an, dafsein Weber im sächischen Voigtlande pro Tag 23 Pfennig ver-