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und ims auf unser besseres Selbst zu besinnen, man weckeuns denn mit Kolbenstößen und zünde uns das Dach überden Köpfen an? Wohlan denn, wir, denen die Blutschulddes Bürgerkrieges so oft salbnngsreich vorgehalten worden,wir schaudern zurück vor der Erlösuug durch den Völker-krieg, der zwar nach Fürstenrecht geadelt, aber au Inhaltund Wirkung Hundertwal scheußlicher ist als der innereZwist.
So gönne man uns denn Teil zu nehmen an demVersuch, ob nicht auf dem Wege des Denkens die Nationzum Gefühl ihres inneren Zusammenhangs, zu der Erkennt-nis, daß sie ein mächtiges Ganze sei, gelangen könne. DerDespotismus hat den Satz erfunden: Teile, damit duherrschest; die Freiheit spricht: ich herrsche, indem ich binde.Ein geistiges Band wieder anzuknüpfen, das ist auch unserZiel und unsere Hoffnung.
Denen vor Allen aber sei es erlaubt, mit wehmütigerFreude dieser Hoffnung entgegenzueilen, welche das Gesetzdes Überwinders seit länger als einem Jahrzehnt von derSchwelle des Vaterlandes abwehrt. Schiene fügt sich anSchiene; aufblühend vermählt im Dampf sich Nord undSüd, jubelud reicheu die Städte am Rheine sich die Hände,nicht für sie, nicht für sie, die Verbannten. Auch das ist Fluchvou Deutschlands Fluch. Im Lande der Grenzpfähle undder Schlagbäumc sind Meister Engherz und Kleingeist Hof -Rechenkünstler. Deutschland ist kein politisches Vaterland,in dessen Organen die Stimme des Blutes selbst für dieverstoßenen Söime spräche. Es ist nur ein Inbegriff polizei-licher Domänen. Es kennt keine Landsleute, sondern nurUnterthanen, getreue und ungetreue. Nie hat der Kopfeines deutscheu Ministers, nie hat das Herz eines deutschenFürsten sich bis zu dem Gedanken einer wahren Amnestieerheben können; niemals werden sie es. Aber es bleibteine Amnestie, welche nur vou Volkes Gnaden und vom