Druckschrift 
3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen
 

201

einen Fuß vor den andern zu setzen. Oder gilt es diebeliebte Denunziation des Eigennutzes und Ehrgeizes auf-zuwärmen? Den Lohn an Würden und Vortheilen sollmir Einer zeigen, welche dem ungebeugten freien Sinnbisher gewinkt hätten, welche ihm von jetzt an winkten.Entsagung, Entbehrung, Verzicht, nicht blos auf weltlicheVortheile, sondern auf das größte Gut, auf die Uebungder eignen Kraft, das war unser Antheil, das wird er wer weiß wie lange noch bleiben. Dem Vorwurfdes Irrthums bleibt jede Meinung allzeit ausgesetzt, aberden Vorwurf der Leidenschaft können wir hierfüro mit still-schweigender Verachtung vorübergehen lassen. Blinder Haßwar niemals unsere Sache, denn Haß ist Vorurtheil, undDemokratie ist Vorurteilslosigkeit. Unser Eines ist eherim Stande zu begreifen, wie so irgend ein König Bombain aller Unschuld daz°u kommen mag ein Scheusal zu sein,als daß die kleinste Durchlaucht es je zu dem Verständnißbrächte, warum der Mensch nicht erst beim Baron anfange.

Es geht durch deutsche Lande jetzt im Stillen einetraurige Sage, und mancher Ehrenmann wiederholt sie mitbeklagenswerthem Beifall. Ein Angriff von Außen, soheißt es, sei das Einzige, was den inneren Verfall auf-halten, was das Bewußtsein der Nation auf die Höheihres Berufs erheben könnte. Klägliches Armuthszeugniß,verzweifeltes Rettungsmittel; Ueberreste jener von obenher eingeschwärzten Irrlehren, welche nur dann an uuserSelbstgefühl zu avpelliren erlauben, wenn die Landeshoheitdurch fremde Waffen in Gefahr geräth. Und das solltedas geistgenährteste Volk der Erde sein, welches nicht zurErkenntniß seines eigenen Ichs gelangen könnte, ohne vomäußeren Feind aufs Blut gestachelt zu werden? Nicht soviel lebendige Seele besäßen wir, um uns mit eigenenDenkkräften aus dem Dämmerungszustaud zu entwinden