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mir scheint, mit wenig Ruhm für ihn. In meinem erstenBriefe habe ich Ihnen zu erklären gesucht, mit welchenErbfehlern einer vergangenen Zeit wir, die Liberalen, nochin uns selbst zu kämpfen haben. Die Gewohnheit, un-fruchtbare Opposition zu machen, sagte ich, hat eine par-lamentarische Schule erzeugt, der es nur auf die einzigeWirkung ankommt, welche znr alten Zeit erreichbar gewesen,nämlich rhetorische Erschütterung — eine Wirkung, dienatürlich mehr mit heftigen und äußersten, als mit sanftenund vermittelnden Vorstellungen durchgesetzt wird. Dieneue Lage der Dinge, welche der Volksstimme etwas mehrEinfluß gönnt, verlangt eine andere Methode, eine be-scheidenere, auf praktische, wenn auch oft kleine Abschlags-Resultate hinzielende. Dies mein Wort ist vielfach aufge-griffen worden, besonders auch von den Widersachern desFortschritts. „Der sagts Euch ja selbst", so scholl es undbis ins Parlament hinein, „beigeben sollt Ihr lernen!"Mit meiner eignen Münze bezahlt zn werden, das lasse ichmir gar gerne gefallen. Nur das bitte ich nicht zu ver-gessen, jegliche Münze hat ihre zwei Seiten, und nun willich Ihnen sagen, was auf der andern Seite der meinigensteht. Das jüngste Mal sprach ich Ihnen von den Erb-fehlern der Oppositionen. Es war mein naheliegender nndfester Vorsatz, fortzufahren mit den Erbfehlern der Re-gierenden. Ich hätte es damals mit voller Gewißheit schonthun können. Wer den Mann und die Verhältnisse nureinigermaßen kennt, wußte mit Bestimmtheit: wenn GrafBismarck einmal seinen Kopf aufgesetzt hat, ist jede Hoff-nung verloren, sich mit ihm zu verständigen. Allein ichdachte: wozu prophezeien? In zehn Tagen ist das Ganzeabgesponnen; da werden die Ereignisse gesprochen haben,und — wer weiß! — vielleicht trifft wieder eiumal in derWelt ein, was niemand glauben wollte, vielleicht dennoch