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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
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Vorurteile und Leidenschaften mit dem prunkenden Flitterder patriotischen Phrase. Bekanntlich nährt das nationaleund orthodoxe Russentum von jeher einen grimmigen Haßgegen die deutschenHeiden". Schon in den Stürmen derReformation überschritt eine große Anzahl bedürftigerDeutscher die russische Westgrenze und gedieh in demheiligen" Rußland durch Geschicklichkeit, Fleiß und Mäßig-keit. Das russische Volk mußte diese Vorzüge derEin-dringlinge" anerkennen, verabscheute sie aber darum nurerst recht. Seit jenen Zeiten ist die Anklage gegen dieDeutschen,daß sie die nationale Religion zu Grunde richtenund die Reichtümer des Landes in ihre Hand bringen",eine stehende geblieben im Munde des gemeinen Mannes,und neuerdings wird sie von den mehr oder minder ge-lehrten Moskauer Panslawisten mit einem ungeheuern Auf-wand? wohlfeiler sittlicher Entrüstung und wohlfeilen wissen-schaftlichen Brimboriums wiederholt. So wenig in Rußland tüchtige, fleißige, umsichtige und sparsame Russen durch dieDeutschen gehindert werden, die Früchte ihrer Arbeit zugenießen und zu Bildung und Wohlstand zu gelangen, sowenig verhindert das Gedeihen der jüdischen Deutschen dasGedeihen der christlichen Deutschen. Und so gewiß dieThätigkeit und der Erwerb der in Rußland angesiedeltenDeutschen der russischen Kultur im Ganzen zu Gute kommt,so gewiß gereicht die geistige und die wirtschaftliche Arbeitder deutschen Juden dem deutschen Staate und der deutschenGesellschaft zum Vorteil. Herr von Treitschke, der sichsonst immer zu gesunden wirtschaftlichen Prinzipien bekannthat, wird hoffentlich nicht auch der jetzt allerdings wiederin Mode kommenden plumpen Wahnvorstellung Zugeständnissemachen wollen, wonach diejenigen, welche durch ihre ArbeitGeld erwerben, nicht die Gesellschaft durch ihre Dienst-leistungen um ebenso viel bereichern, sondern sie nur aus-