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ist, besonders stark geirrt hat. Auch die Juden Frankreichs ,Hollands, Englands sind nicht, wie er behauptet, zumgrößern Teil Reste der spanischen und portugiesischen Aus-getriebenen, sondern aus Deutschland eingewandert; ihrJargon, wo sie überhaupt einen solchen sprechen, ist mitdeutschen Wörtern versetzt. Die europäischen Juden sindmit keiner Sprache so verwachsen wie mit der deutschen ,und wer Sprache sagt, sagt Geist.
Treitschke sieht in den vom Osten her zuwandernden„hosenverkaufenden polnischen Jünglingen" eine ernste Gefahr.Man denkt bei seiner Schilderung an eine hereindringendeFlut, etwa wie die der Chinesen in Kalifornien . Möchteer uns nicht einige statistische Zahlen darüber aus denletzten Jahren geben? Bei seiner gar leicht generalisierendenDarstellungsweise liegt die Besorgnis nahe, die Angabekönnte auf der Beobachtung einiger häufiger gewordenenZudringlichkeiten an der Ecke der Behren- und Friedrich-ftraße beruhen. Und ist es gewiß, daß diese „Polen " ausRussisch - und nicht aus Preußisch-Polen kommen? Wennaus dem Preußischen, mit welchem Recht behandelt derbittere Gegner des polnischen Nationalwiderstandes dieBewohner der Provinz Posen als Ausländer? Und nochdazu deutschredende? Was sagen wir deutschredende? Hatnicht von jeher das jüdische Element in Posen mit Rechtals ein germanisierendes gegolten? Haben nicht meistensdie Juden mit den Deutschen zusammen gewählt?
In eben dem Artikel, welcher die Juden das „Unglück"Deutschlands nennt, hält Herr von Treitschke den Russenihre Verstimmung gegen die deutsche Politik vor. Dabeihätte er sich denn füglich erinnern dürfen, daß die russischen Treitschke — ich will sagen, die Katkow und Aksakow, dieDeutschen für das „Unglück" Rußlands erklären. Undindem sie es thun, behängen auch sie nur althergebrachte
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