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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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angefangen haben zu lernen, daß es im Hause Gottes derWohnungen viele giebt, ist die religiöse Antipathie bestimmt,zu verschwinden. Der Rassengegensatz wird ein etwaszäheres Leben fristen, aber auch ihn werden dereinst Bildungund Humanität überwinden, denn nicht allezeit werden, wiegegenwärtig, Bildung und Humanität ans Kreuz geschlagensein. Bis dahin muß man aber mit der unumstößlichenThatsache eines sich über sich selbst unklaren Gefühls rechnen.

In eine unumstößliche Thatsache fügt man sich, schonweil man muß, wogegen Scheingründe, die ihr ein besonderesRechtsgewand umhängen sollen, nur die Betroffenen irritieren.Wenn Jemand sagt: ich kann nun einmal die Juden nichtausstehen, so läßt sich gar nicht mehr mit ihm rechten.Giebt es doch auch für gebildete Menschen kaum ein größeresVergnügen als das, ihren Vorurteilen zu fröhuen!

Die Denkenden unter den deutschen Juden sind mitallem dem so vertraut, daß sie nicht weiter darüber grollen,außer wenn die unreflektierte Empfindung auch ihr un-mittelbares Gefühl wach ruft. Sie kennen und schätzenihre deutschen Landsleute zu sehr, um nicht zu verstehen,warum gerade in ihnen das Widerstreben sich am stärkstenauSsPricht und am unliebenswürdigsten zu Tage tritt. Undwenn sie etwa selbst einen Teil der Schuld daran tragen,daß es ihnen in Deutschland bis auf diesen Tag schlechtergeht als anderwärts warum sollten sie nicht auch dazumitgethan haben? je nun, so sind es wahrscheinlich auchdeutsche Unarten, die ihnen zur Last fallen. Denn mitkeinem Volke haben sie sich auch nur entfernt so eng zu-sammengelebt, man könnte sagen, identifiziert, wie mit denDeutschen . Sie sind germanisiert nicht bloß auf deutschemBoden, sondern weit über Deutschlands Grenze hinaus.Das ist einer der Punkte, in denen sich Herr von Treitschke,wie ihm inzwischen schon von andern nachgewiesen worden