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in England, Frankreich und Amerika hat eine zur Respekta-bilität unerläßliche Kirchlichkeit erzogen, zu deren Erhaltungwesentlich das Bewußtsein jenes Zusammenhangs zwischenReligion und Ordnung mitwirkt. Ob etwas Ähnliches oderetwas Besseres in Deutschland gelingen kann, ist hier nichtzu untersuchen. Aber soll es versucht werden, so stellensich ihm die Juden gewiß nicht entgegen. An der Durch-führung der großen sozialistischen Vermögensteilung habensie kein hervorragendes Interesse. Sie finden nur, daßman, um das Christentum zu stärken, andere Mittel ge-brauchen könnte als die Erregung von Haß und Ver-achtung gegen die Juden.
„Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unterMännern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit odernationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden,ertönt es heute, wie aus Einem Munde: die Juden sindunser Unglück."
Das ist in seinem ganzen Umfange der schon erwähnteKernsatz am Schlüsse des Exkurses. Ob der Verfasser, in-dem er ihn Andern in den Mund legt, ihm beipflichtet, istnicht ausgesprochen. Wären nicht die Höchstgebildeten zu-gleich als solche bezeichnet, die jeden Gedanken nationalenHochmuts mit Abscheu vou sich weisen, so könnte manglauben, Herr von Treitschke habe sich einbegriffen. Ichwill nicht bezweifeln, daß die Hochgebildeten, welche diehalbe Million Juden für das Unglück der 43 MillionenDeutschen halten, es in meiner Gegenwart etwas leise sagen.Aber wenn dieser Schrei des Schreckens wirklich so ausEinem Munde ertönte, so hätte ich doch auch schon etwasmehr von dem hören müssen, was Herr von Treitschke ver-nommen haben will. Vollends mir zu verschweigen, daßDeutschland überhaupt im Unglück ist, liegt gar kein Grundvor. Bis jetzt hatte es nur der Gouverneur der Frauzösi-