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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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Gans. Was am strengen Christentum durch zersetzendeKritik zerstört worden ist von Philosophen, rationalistischenTheologen, Naturforschern, ist alles, alles auf rein deutschesGeblüt zurückzuführen. War es doch der von Treitschkefüreinen der reinsten und mächtigsten Vertreter germani-schen Wesens" erklärte Fichte, welcher in Jena vom Ka-theder herab ankündigte:In fünf Jahren ist keine christ-liche Religion mehr; die Vernunft ist unsere Religion."Die Paulus, Baur, Strauß, Feuerbach, Schopenhauer ,Vogt, Büchner, Moleschott, Haeckel, und wer kann sie allenennen, sind, soviel man weiß, rein germanischer Abstam-mung. Die bloße Erwähnung ihrer Namen uud ihrergroßen Popularität drängt aber von selbst zu einer zweitenBetrachtung. Es liegt gar kein Grund vor, zu bestreiten,daß die Deutschen ein christliches Volk seien, wie Treitschke sagt. Aber sie sind entschieden nicht christlicher als anderechristliche Völker, sie sind sogar bedeutend weniger christlich.In keiner Nation der Welt ist der Bruchteil der Un-gläubigen so groß, wie in Deutschland , und dies gilt nichtbloß für die Christen. Auch unter den gebildeten JudenFrankreichs und Englands giebt es viel mehr Fromme,als unter den gebildeten deutschen Juden. Und sprichtnicht Treitschke selbst von dem krassen Unglauben, der sichbreiter Schichten des deutschen Volkes bemächtigt habe?Mag man's loben oder tadeln Lob und Tadel wechselnmit der Zeitrichtung die Thatsache ist unbestreitbar.Herr von Treitschke , welcher den Sozialismus bekämpft,nimmt in diesem Kampfe die Stellung derer ein, welchedas Übel in der Wurzel mit Wiederherstellung der Religionzu heilen hoffen. Wenn es ausführbar ist, Religion wieder-herzustellen, hätten sie jedenfalls insoweit recht, als die so-zialistischen Ideen einen unbestreitbaren Zusammenhang mitden irreligiösen haben. Der Instinkt der herrschenden Klassen