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Herrn von Treitschke fällt am meisten das starke Kon-tingent von „Talenten dritten Ranges" in die Augen,welches nach seiner Ansicht die Juden stellen. Er siehteben nur, was geräuschvoll an die Oberfläche tritt, unddas sind hüben und drüben die Talente dritten Ranges.Wenn er sich die Mühe nehmen wollte, nachzufragen, wieviele stille, ernste, vom idealsten Streben durchdrungeneMänner jüdischer Herkunft in Deutschland auf allen Ge-bieten der Forschung und des Lebens gearbeitet haben undnoch arbeiten, so würde er wahrscheinlich seine Ansichtändern. Lese er Gustav Freytags Nachruf an dessen vormehreren Jahren verstorbenen Freund und MitarbeiterJakob Kaufmann, ein rührendes Denkmal deutscher Freund-schaft und ein Juwel deutscher Prosa zugleich! Hier findeter die Schilderung nicht eines Einzelnen, sondern einesganzen Typus deutscher Juden, die freilich nicht von denTalenten dritten Ranges bekämpft werden, weil sie nichtgerade diesen Talenten am meisten Konkurrenz machen.Was aber die litterarischen Lobeshilfskassen auf Gegenseitig-keit betrifft, welche nun auch den Juden in die Schuhe ge-schoben werden, wollte Gott , nur die Juden beteiligten sichdaran! Der Unfug wäre dann lange nicht so groß, wie erleider ist.
Endlich soll das deutsche Christentum in Gefahr seindurch die Juden! Dieser ernst klingende Vorwurf ver-diente eine so ernste Widerlegung, daß sie hier zu ausführ-lich würde. Aber in äußerster Kürze muß doch daran er-innert werden, daß am Werke der Glaubenskritik von Lessing an bis auf Eduard von Hartmann sich erstaunlich wenigJuden beteiligt haben. Die ganze mächtige Reihe unsererphilosophischen Schulen hat nur ganz spärlich jüdische Mit-arbeiter von Namen aufzuweisen, unter den KantianernMaimon und Bendavid, unter den Hegelianern Eduard