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der Kräfte die Diagonale mehr nach seiner Seite ziehenwill, als die Stärke der Gegenkraft gestattet.
Mit anderen Worten: Ein richtiges Kompromiß wirdnur von dem abgeschlossen, welcher seine eigene Kraft nnddie des Gegenparts weder unter- noch überschätzt.
Daher siud Illusionäre geborene Feinde der Kompro-misse ; denn zu ihrer Natur gehört es, sich selbst mehr undandern weniger zuzutrauen, als sachlich gerechtfertigt ist.Es giebt Radikale, deneu es überhaupt nur darauf an-kommt, ihr Dogma zu vertreten, ohne Ausgleich mit derWirklichkeit. Andere lassen wohl mit sich reden, verzichtennicht auf die Wirklichkeit, leben aber in Täuschung überdie ihneu uud ihren Ideen zu Gebote steheude Macht undAnhängerschaft. Selbstverständlich haben wir es hier nurmit diesem gemäßigten Radikalismus zu thun. Indem der-selbe mit der nationalliberalen Partei wegen der von ihrmit der Reichsregierung, d. h. mit dem Kanzler abgeschlossenenKompromisse, jahraus jahrein haderte, konnte ihm in seineneigenen Augen vernünftigerweise kein anderer Gedanke dazudie Berechtigung geben, als daß ein weitergehendes Ver-langen in jedem einzelnen Fall schließlich auch durchzu-setzen gewesen wäre. Wonach aber hatte jeder der miteinander verhandelnden Teile die Aussichten zu bemessen,die sich ihm bei längerem Widerstand eröffnen würden?Mit anderen Worten: wo war die Kraft zu suchen, vonder es abhing, ob der eine oder der andere recht behaltensollte? Doch offenbar im Volk, in den Wählern. DieLiberalen mußten, um nicht nachzugeben, von der Über-zeugung ausgehen, daß, sei es bei einer Auflösung, sei esbei der regelmäßigen Erneuerung des Reichstags, eine er-hebliche Verstärkung ihnen Recht geben würde. Der Reichs-kanzler ging bei seinem Widerstand von der entgegengesetztenWahrscheinlichkeitsberechnung aus. Wer Hütte nun richtiger