Druckschrift 
5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
102
Einzelbild herunterladen
 

102

diese war nur gesichert, so lange nicht die Versuchung anihn herantrat, sich mit einer anderen Richtung einzulassen.Und was die Nation selbst angeht, so begnügen wir uns,die Thatsachen reden zu lassen. Kein neuer Aufschwung,sondern eher die Erschlaffung des liberalen Sinnes warfürs erste zu gewärtigen. Wenn auch der nunmehr ein-getretene Umschlag den Bau der in jenen Jahren errichtetenGesetzgebung wieder in den meisten Teilen erschüttert undbedroht, so wird doch ein Teil des Zustandegebrachten immer-hin verschont bleiben und selbst was zerstört wird, als ein-mal Dagewesenes seineu Wert für die Entwickelung derNation behalten. Wie viele Vorwürfe würde man aber sichzu machen haben, wenn man jene ersten besseren Jahre inresuttatlosen Kämpfen hätte verstreichen lassen, wenn diehereinbrechende Reaktion die Bahn frei und alles unfertiggefunden hätte? Die Voraussetzung, daß in jenen bekanntenMeinnngskonflikten über die mehr oder weniger liberaleAusstattung der großen Gesetze der Kanzler einem schärferenWiderstand nachgegeben hätte, beruht auf einer doppeltenVerkennung der in Rechnung kommenden Faktoren. DieseVoraussetzung irrt sowohl, indem sie dem Kanzler eineÜberschätzung der politischen Widerstandskraft der Nationzutraut, als indem sie ihm ein Interesse an dem Zustande-kommen einzelner organischer Gesetze unterlegt, groß genug,daß er sich dadurch zu weitgehenden Konzessionen hätte be-stimmen lassen. Beides ist falsch. Die Gesetzgebungsgeschichteder letzten dreizehn Jahre weist schlagend nach, wie dieSpannkraft der Nation allmählich nachließ, und wie derKanzler, dies deutlich fühlend, seines Erfolges immer sichererwurde. Einer der vielen leidigen Verwechslungen von Ur-sache und Wirkung ist auch die stereotyp gewordene Anklageentsprungen, daß die Schwäche der Fraktion unvorteilhafteKompromisse verschuldet hätte. In Wahrheit hat sich die-