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selbe nicht täuschen wollen über die Kampflust der Armee,die hinter ihr stand, und es war ein Glück, daß sie nichtso verblendet war, die kurz bemessene Frist der günstigenKonstellation in unfruchtbaren Anläufen vorübergehen zulassen. Ja, man wird den bedächtigeren und hellsehendenMännern unter den Radikalen selbst eher etwas Gutes alsetwas Schlimmes nachsagen, wenn man die Vermutungausspricht, daß sie dem Zustandekommen großer organischerGesetze nur darum so unerschütterlich ihr beharrliches Neinentgegensetzten, weil sie sich wohl bewußt waren, das Zu-standekommen dadurch nicht zu hindern. Im Verlaß aufdie Majorität, von der sie überstimmt würden, konnten siesich den Luxus dieser „schönen Rolle" gönnen, welche jaauch ihre gute Seite hat. Die Kompromittierenden nahmendafür die Vorwürfe auf sich, ohne den Beweggrund verratenzu dürfen, welcher sie zum Nachgeben bestimmte. Denn sieHütten sich, ihren Wühlern und ihrer Sache, einen schlimmenDienst geleistet, wenn sie laut gesagt hätten, welchen Er-wägungen man Gehör geben müsse. Es gehörte eben, wieso oft im Leben, zum stillen Martyrium der Pflichterfüllung,daß mau sich als Schwächling für das Verhalten ausscheltenließ, welches auf der Stärke der Überzeugung nnd Hin-gebung beruhte. Was wäre beispielsweise aus der so wichtigenJustizgesetzgebung geworden, wenn sie nicht noch eben vorder Attentatsperiode und deren Ausuützung zum Abschlußgekommen wäre? Glaubt ein halbwegs verständiger Mensch,dem Kanzler sei die Einführung einer Prozeßgesetzgebnngfür das Reich so ans Herz gewachsen, daß er lieber seineAntipathien gegen gewisse Bestimmungen verwuuden, alsdas Zustandekommen des Gesetzes um eine Session ver-schoben Hütte? Und wenn diese Verschiebung eingetreten,inzwischen aber die Dezimierung der liberalen Abgeordneten,wie geschehen, ins Werk gesetzt worden wäre? Welches