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würde die Folge gewesen sein? Hätte man in der neuenSession bessere Aussichten gehabt? Oder hätte nicht dasGanze auf dem Spiel gestanden? Und wie mit den Justizge-setzen, so verhielt es sich mit allen anderen. Je länger mitder Fertigstellung organischer Neichseinrichtungen gezögertwurde, desto näher rückte der Zeitpunkt, in dem sie garnicht mehr oder nur »och in höchst fragwürdiger Gestaltzu erledigen waren.
In diesen Verhältnissen uud in ihnen allein liegt dieErklärnng der Kompromißpolitik.
So lange es möglich war, noch etwas zum Aufbauder einheitlichen und auf modernen Anschauungen beruhendenGesetzgebung beizutragen, mußte mau mit dem bestmöglichenVergleich abschließen, und man dnrfte sich immer wenigerauf hartnäckiges Feilschen verlegen, je näher sichtlich derZeitpuukt des Umschlags in der obersten Leitung uud iuder Zusammensetzung des Parlaments heranrückte, lindman mußte zumal im einzelnen Fall sich fragen, welchesInteresse die leitende Politik selbst an dem Zustandekommendes Gesetzes nehme, um danach zu bemessen, auf welcheäußerste Kraftprobe des liberalen Widerstandes man eskönnte ankommen lassen. Bei einer Kontroverse über einzelneArtikel eines Militürgesetzes dnrfte man fchon den Bogenetwas straff anspannen, bei einem Streit über Justizgesetzeviel weniger.
Heute aber, nachdem in der Reichsgesetzgebung dieSteuerung vollständig gedreht und ihre Richtung direkt aufUmkehr genommen hat, ist allerdings kein vernünftiger Grundmehr zum Abschließen von Kompromissen vorhanden. DieBeteiliguug an der Zerstörungsarbeit hat keinen Sinn.Derselbe Grund, welcher dafür sprach, durch Kompromissedie aufwärts führende Bewegung in Gang zu halten, sprichtdagegen, die abwärts rollende durch Kompromisse zu fördern.