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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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niemand behaupten, eine liberale Partei müßte ihnen selbst-verständlich Zutritt lassen. Ein gewisses Maß von Frei-sinnigkeit ist Grundbedingung für die Mitgliedschaft in einerliberalen Partei, aber die Freisinnigkeit allein genügt durch-aus nicht zur Übereinstimmung in einem Verband, der sichmit allen Lebensfragen des Staatswesens zu befassen hat.Wenn die Freiheit zu den höchsten Gütern gehört, so deckenfrei" undgut" sich noch durchaus nicht vollständig, undmit dieser einfachen Definition ist um so weniger durch-zukommen, als bekanntlich, wie alle Menschen sich für gut,so alle Parteien sich für freisinnig halten. Das Problemder wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft steht aberin der heutigen Entwicklung des Völkerlebens so sehr imMittelpunkt aller politischen Thätigkeit, daß es immer un-ausführbarer wird, wichtige Fragen zu entscheiden, ohneauf dieses Gebiet zurückzugeheu. Besonders aber wird füruns Deutsche die Frage, was gut und was nicht gut sei,immer weniger gelöst werden können ohne entschiedeneParteinahme für die eine oder die andere der beiden wirt-schaftlichen Anschauungen. Ob den Anhängern der wirt-schaftlichen Unfreiheit ernstlich der Nachweis gelingen könne,daß ihre Grundsätze ihrem politischen Freisinn keinen Ab-bruch thun, wolle» wir nicht untersuchen. Nach der her-gebrachten Schablone mögen sie vielleicht noch für liberalgelten. Wenn man der Sache auf den Grund geht, wirdman ohne viel Anstrengung finden, daß das Wörtchenfrei"heutzutage keineswegs zufällig diejenige Anschauung be-zeichnet, welche sich gegen die wirtschaftliche Bevormundungund Beschränkung verwahrt. Es ist auch kein Zufall, daßunsere in früheren Zeitläuften entschieden freihändlerischenPreußischen Konservativen, vom reaktionären Strom desMvments erfaßt, jetzt, allen ihren Überlieferungen zuwider,sich unter das schutzzöllnerische Joch gebeugt haben, eben