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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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haft zu machen, wird zugeben, daß, ob falsch oder wahr,jedenfalls auf den Namen vonTheorien" die Deduktionendieser Art im weitesten Sinn Anspruch erheben können,insbesondere, wenn man dem WortTheorie" den Bei-geschmack zweifelhafter Nichtigkeit geben will.

Das Geheimnis eines solchen Systems besteht alsokurz gesagt darin, abwechselnd bald den sogenannten prak-tischen Verstand anzurufen, wenn es gilt, einzelnen Minder-heiten wirkliche Vorteile zuzuwenden, bald Theorien auf-zustellen, weuu es gilt, den großen Mehrheiten die Nach-teile ihrer Belastung als Wohlthaten zu preisen. AllgemeineWahrheiten sind aber Wahrheiten mir, wenn sie auch all-gemein formuliert und angewendet werden, nnd diejenigenallgemeinen Sätze, die mau sich nur für gewisfe Kategorienzurecht macht, enthalten das Gegenteil der Wahrheit.

Echte Staatsknnst kann auf keinem Gebiete der all-gemeinen Grundsätze entbehren, denn ihr ist eben das Allgemeine,die Gesamtheit anvertraut. Die Bewegungen des Einzel-lebens sind so mannigfach und verschlungen, daß es un-möglich ist, sie in jede Wendnng hinein zu verfolgen, gleich-zeitig zu übersehen, welchen Individuen im gegebenen Falleine Maßregel schadet und welchen anderen sie nützt. Hierbedarf es für die Gesetzgebung des höheren, das Ganzeübersehenden Standpunktes, von welchem aus die Grund-linien der allgemeinen Richtung zu ziehen sind. Innerhalbdieser Grenzen muß die Thätigkeit der Einzelnen sich selbstbestimmen. Welches auch das wirtschaftliche System sei,dem ein Staat huldigt, des allgemeinen Maßstabes, derleitenden Grundsätze, der Theorie mit anderen Worten wirder nicht entbehren können, will er nicht je nach demDrang der Umstände bald dieser, bald jener Interessen-gruppe iu die Hände fallen. Eine Zeit lang kann eineRegierung sich das Leben Wohl bequem machen dadurch.