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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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daß sie sich mit allen einzelnen Interessengruppen ins Ver-handeln einläßt.

Machen sich anch Widersprüche bemerkbar, weil wiederdie einzelnen Interessen gruppenweise mit einander in Kon-flikt geraten, so hilft jeder Gruppe die Hoffnung, im Wett-lauf um die Begünstigung demnächst wieder Vorsprung zugewinnen, über augenblickliche Zurücksetzung hinaus. Ja,gerade diese Kunst, bald den Einen, bald den Andern zubeglücken, allen aber mit Zuruf und Versprechungen zuschmeicheln, erhöht den Eifer und die Unterwürfigkeit. DieWerdenden sind ja nach dem bekannten Vers dankbarerals die Fertigen. Und da schließlich die Menschen nochmehr durch die Befriedigung ihrer Eigenliebe und durchdie Macht der Einbildung beherrscht werden, als durch that-sächliche Dienste, so wird eine aus wenigen wirklichen Be-vorzugungen und vielen großsprecherischen Beteuerungen undVerheißungen zusammengesetzte Politik eine zeitlang sichals ein vortreffliches Werkzeug bewähren, wo es wenigerdarauf abgesehen ist, das Richtige zu thun, als recht zu be-halten. Erst nach längerer praktischer Anwenduug werdendie Widersprüche eines solchen Systems sich ernstlich fühl-bar machen, und man wird sie schon lange fühlen, ehe dieöffentliche Meinung zur wahren Erkenntnis des eigentlichenZnsammenhangs vordringt. Denn im Bereich der allge-meinen, über die Gesamtheit ausgedehnten Erscheinungenist es so schwer, den Verkettungen von Ursache und Wirkungzu folgen, daß mit Sicherheit nie auf deren Erkenntnis zurechnen ist. Und die bevorzugten Minderheiten, mit ihrenfesten Organisationen, ihrer wohlberechneten Taktik und her-vorragenden Stellung werden meistens im Bunde mit einerihnen zu Gefallen lebenden Regierung mächtig genug sein,um die Begriffsverwirrung zu erhalten, welche ihnen nützt,und an welche sie eben deshalb in der Regel auch selbst