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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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an die bitteren Enttäuschungen der Gründerzeiten ist er-blaßt, die Phantasie verjüngt sich und nicht zu ver-gessen: auch in Zeiten, die wir jetzt schlecht nennen, die esaber nur im Verhältnis zu vorausgegangenen schwung-vollen sind, häufen sich die Ersparnisse, sinkt der Zinsfuß,und beide vereint nähren eine Ungeduld, welche den Ver-führungen der Phantasie bereitwillig entgegen kommt.

Wenn man in solchen Erwägungen schon Grund genugfindet, sich mit der Verkündigung wieder anbrechenderMorgenröte nicht zu übereilen, so sind eben diese Er-wägungen doch nur sekundärer Ordnung. Der Hauptgrundfür die Enthaltsamkeit liegt tiefer. Nämlich in der all-umfassenden Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnis: demWissen des Nichtwissens. Bekanntlich wächst die Zuversichtin das eigene Erkennen im umgekehrten Verhältnis zumWissen von den Dingen. Zu einem schnellen und sicherenUrteil über den Zusammenhang verborgener Ursachen undWirkungen gelangen immer diejenigen, welche keine positivenKenntnisse von der bestimmten Sache, wenig Logik undetwas Phantasie besitzen. Dies trifft beinah überall zu, ammeisten aber in medizinischen Sachen. Ich bin viel sicherer,eine positive Antwort über die Natur eines Leidens unddessen Behandlung zu erhalten, wenn ich bei einem Be-kannten, und gar bei einer Bekannten Besuch mache, alswenn ich meinen Arzt konsultiere. Daher es auch kommt,daß das Publikum, welches von Wissen und Nichtwissenüberhaupt abenteuerliche und dunkle Vorstellungen hat,allzeit so weidlich über das Nichtwissen der Mediziner los-zieht, auch sobald einer gestorben ist, weiß, wie er hättegerettet werden können. Mit den wirtschaftlichen Krank-heiten geht es ähnlich wie mit den leiblichen. Die größtenIgnoranten sind immer im Besitze der unfehlbarsten Kur-methoden. Wenn man sie nur machen ließe, wäre die Welt