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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
209
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ausgewachsen, aber eben weil es, wie es dort heißt, reifgeworden, stellt es sich ihm in seiner fertigen und jetzt erstvoll in Gang kommenden Wirksamkeit, neu und nicht minderrätselhaft gegenüber.

Er bezeichnet die Frage über die Bedeutung und Be-rechtigung der Nationalität als einen neuen Vorwurf fürdie Wissenschaft und bittet deshalb um nachsichtige Auf-nahme für den Versuch einer wissenschaftlichen Behandlungdes Gegenstandesteils eben dieser Neuheit wegen,teils weil der Gegenstand ein ungewöhnlich ver-wickelter ist." Man sieht, der vortreffliche und ausge-zeichnete Staatsrechtslehrer war vor fünfundzwanzig Jahrennoch weit entfernt von der hohen Selbstgewißheit, auswelcher unsere nationalen Glaubensgerichte bente schöpfen,um über Leben uud Tod zu verfügen im Größten wie imKleinsten.

Bis vor wenigen Jahrzehnten, sagt Mohl, wurde dieStammeseigentümlichkeit einer Bevölkerung von der Staats-knnst nnr in sehr untergeordneter Weise beachtet und zwariu der Übung so gut wie in der Lehre. Dies hat sich dennnnn mächtig geändert. Erwerbungen uud Ländereinteilungen,welche zum Teil seit Jahrhunderten bestanden, werden jetztangefochten, weil sie nicht übereinstimmen mit den Grenzender Nationalitäten. Die Bildung eigener Staaten, lediglichans Grund der Abstammung der Bevölkerung, wird verlangt,und zwar hier im Wege der Ausscheidung und Zertrümme-rung eines größeren Ganzen, dort mittels ZusammenlegungbiSlier getrennter Bruchstücke.

Weun Mohl, indem er das charakteristisch Nene diesesPhänomens also definiert, hinzufügt, dasselbe sei zuerst Wohlin Beziehung auf das Schicksal vou Polen in Wirksamkeitgetreten, so erscheint mir das vollkommen zutreffend. AuchGumvlowicz spricht sich in seinem inhaltvollen Werk über

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