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Aber wie merkwürdig ist es doch, daß gerade diesesselbe Österreich , welches die Brutstätte der nationalen Lebens-regung schon so lange Zeit gewesen uud bis auf den heu-tigen Tag geblieben ist, andererseits dazu ausersehen scheint,auch die Verneinung derselben zu repräsentieren und praktischdurchzusetzen; wobei es denn die historische Nemesis befrie-digen mag, daß lange Zeit die Hauptkunst der macchiavelli-stischen Wiener Kabinetspolitik selbst darin bestand, dereinzelnen Nationalitätsbestrebungen Herr zu werden, indemsie eine Nationalität gegen die andere aufhetzte. Und viel-leicht noch merkwürdiger dabei erscheint die Thatsache , daßin unseren Tagen die österreichische Politik letzter Hand zudieser Verneinung besonders ausgerüstet, gestärkt, ja förmlichberufen wird von jener deutschen Politik, welche bei sich zuHause das Nationale oder vielmehr das, was national zunennen ihr gerade paßt, ausschließlich zum Schiboleth derpolitischen, ja sogar der sittlichen Strenggläubigkeit macht.Diese Ironie wird noch dadurch gesteigert, daß sonderbarer-weise in Österreich selbst die dentschnationale, sich von Öster-reich hinweg und nach Deutschland hinübersehnende Parteigerade wieder diejenige Politik vergöttert, in deren Rechnungeingestandener- — uud man darf hinzusetzen ganz wohl-verstandeuermaßen — genau das Gegenteil Paßt, nämlichdie Zurückweisung dieser Sehnsucht. Zur Rettung ausdieser krausen Verwirrung mögen die Beteiligten aber füg-lich den Erfahrungssatz anrufen, daß nirgends weniger mitder Konsequenz gerechnet wird als in der Politik. Hiernoch mehr als in den „Himmelsfragen" gilt das Osäo Huia,Ädsuräurn.
Eben in diesem Bündel von Inkonsequenzen birgt unsvielleicht eine wohlthätige Zukunft das Mittel zur Rettungaus den Verlegenheiten des Übermaßes von Konsequenz,durch welches das Natioualitätsprinzip, in seiner modernsten
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