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und überleben. Nativnalhaß und Rassenhaß sind ein Rück-schlag gegen die Ausbreitung von Milde, Gerechtigkeit undFreiheit, welche die Philosophie des achtzehnten Jahrhundertsvorbereitet und die Zivilisation des neunzehnten gereift hat.Auch sie werden siegreich den Rückschlag überwinden. Nochbrauchen wir uns nicht der Anschauungen zu schämen, denendie größten Deutschen, Lessing und Goethe, huldigten. Auchsie standen allerdings in ihrer Zeit, und mit den Aufgabender Zeit wechseln die Anschauungen und deren Berechtigung.Aber in der Anschauung so großer Geister ist ein Dauern-des, welches den Wechsel der jeweiligen Ausgaben und deraus ihnen erzeugten Impulse und Leidenschaften überlebt,und das gerade dann am meisten in Erinnerung gebrachtund beherzigt zu werden verdient, wenn der Dünkel desAugenblicks sich dermaßen steigert, daß er seine Eingebungenfür das Ewige hält.
Folgendes schrieb Goethe an Carlyle:*)
„Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter undästhetischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumerZeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedemBesonderen, es sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft,mehr oder weniger willkührlich ersonnen, wird man durchNationalität und Persönlichkeit hindurch jenes Allgemeineimmer mehr durchleuchten und durchschimmern sehen. Danun auch im praktischen Lebensgange ein Gleiches ob-waltet und durch alles Irdisch-Rohe, Wilde, Grausame,Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlingt undüberall einige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwarnicht zu hoffen, daß ein allgemeiner Friede dadurch sicheinleite, aber doch daß der unvermeidliche Streit nach
Briefwechsel, herausgegeben von Charles Eliot Norton, Cambridge,Amerika1887.