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die Kraft, mit welcher sich der Einzelne erhält und fördert.Das Rätsel der Erhaltung und Weiterentwicklung der Völker,trotz so vieler Mißregierung in frei wie in unfrei regiertenLändern, liegt nur darin, daß jeder der Millionen Ein-zelnen durch das, was er für sich thut, so viel zum Ge-deihen des Ganzen beiträgt, daß die Summe der indivi-duellen Leistungen die Arbeit des Regierens und Gesetz-gebens in ihren guten wie in ihren schlechten Folgenmillionenfach anfwiegt. Der Kultus des Genius und desHeroentnms selbst, auf dessen Altar die Anbeter der Staas-allmacht die Freiheit des Individuums opfern, ist doch nureine Art der Huldigung an dieselbe Kraft, die im Einzel-nen lebt; und der Genius und das Heroentum der Mil-lionen Einzelner, sie sind zwar in jedem, einzeln ge-nommen, kleiner, aber von derselben Art, wie die desHelden. Sie allein sind das wahrhafte Lebensprinzip desGanzen.
An der Verkennung dieser Wahrheit leidet unser heu-tiges Geschlecht, und was das schlimmste ist, die obereSchicht des Nährstandes selbst, die sich damit am meistennn ihrem eigenen Lebensprinzip versündigt. Noch handeltsie weniger danach als sie danach denkt. Aber die Gedankensetzen sich allmälig in Thaten der Gesetzgebung, zunächstdann der Sitte und zuletzt der Empfindung um. Es konntenicht ausbleiben, daß ein Volk, welches sich in allen Stückender Mechanisierung seiner Kräfte hingäbe, immer mehr zu-rückginge. Ob solche Geschicke, die unter elementaren Ein-wirkungen sich erfüllen, durch Einsicht und Einkehr, durchErfahrung und Schaden abgewendet werden können, wervermag es zu sagen? Das Erstaunliche ist nur, daß im„Volk der Denker" so wenig Ahnung aufkommt von dem,was im Schoß seines innersten Seins und Werdens vor-geht und sich bereitet.
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