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II.
Die Zustände der Presse eines Landes schildern, decktsich mit der Schilderung seiner politischen Zustände über-haupt. Das bedarf keiner Erklärung. Deutschland unter-scheidet sich von anderen zivilisierten Ländern des Westensdarin, daß es noch nicht die Höhe politischer Einheit undFreiheit errungen hat, daß es erst vor Kurzem seine patri-archalisch-monarchische Form der Regierung abgeschüttelt hat,und daß es deu bescheidenen Teil der Einheit, welcher biszur gegenwärtigen Stunde ihm zugefallen ist, nicht innerensiegreichen Kämpfen verdankt, sondern der Rückwirkung aus-wärtiger Kriege, ansgefochten auf internationalen Schlacht-feldern, welche die erblichen Herrscher dazu bestimmten, ihrerGewalt Grenzen zu ziehen, mehr aus opportunistischenGründen, als aus Furcht vor unwiderstehlichen Erhebungenfür die Freiheit. Daß diese dreifache Ursache noch stetsweiter wirkt, zeigt sich darin, daß die öffentliche Meinunggegenüber der Staatsgewalt in Deutschland schwächer ist,als in anderen Ländern. Die Presse ist in der That hier,wie überall, eine große Macht; aber sie ist hier so wieüberall dies nur in der Hand des Mächtigen, und da dieöffentliche Meinung im Widerstand gegen die Macht desStaates bis jetzt noch nicht in hohem Grade das Bewußt-sein ihrer Stärke erreicht hat, so hat die deutsche Pressebis zu dieser Stunde sich als eine starke Waffe mehr inden Händen der Regierung als in denen der Oppositions-parteien gezeigt. Die Energie des Widerstandes, welche vonder römisch-katholischen Kirche und der Sozialdemokratieentfaltet wurde, rührte nicht von der Macht ihrer Presseher, sondern von der Leichtigkeit, mit welcher die Dienerder Kirche und die Führer der Arbeiter im Stande waren,»n ihrer Umgebung persönliche Propaganda zu macheu. Wie