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kann dies sehr gut an der Thatsache sehen, daß Organe,welche nicht in Berlin erscheinen, welche aber dennoch derherrschenden Persönlichkeit als Organ dienen, den Kreisihres Einflnsses ausgedehnt haben. Aber, abgesehen hier-von, der Partikularismus, welcher in der Presse vor derErrichtung des deutschen Reiches geherrscht hat, behauptetsich auf seinem Grund und Boden, und jene Zeitungen,welche früher die öffentliche Meinung jenseits ihrer lokalenGrenzen beeinflußt haben, haben noch nichts von ihrerAutorität eingebüßt. Die Berliner Zeitungen haben nichtsgewonnen, wenigstens nichts, was sich zu der Art ver-gleichen ließe, in welcher die großen Londoner Blätter dieStimme ihres Landes gegenüber Großbritannien , seinenKolonien und der ganzen Welt abgeben. Ich sage nichtsvon Paris, weil Paris als der große, Alles in sich ver-einende Mittelpunkt von Frankreich , kein nachahmenswertesMuster liefert. So besteht iu Deutschland , mit Ausuahmeder allbekannte» Organe der alles beherrschenden Persön-lichkeit, kein einziges Blatt, von welchem man sagen könnte,daß die darin enthaltenen Kundgebungen mit Wahrschein-lichkeit in weitem Maße zur Kenntnis der an der SacheBeteiligten gelangen möchten. Hier und da mag Manchesbesonders Bemerkenswertes aus einem Berliner Blatt in einanderes übergehen; doch dieses geschieht auch den Zeitungen,welche in Hamburg, Frankfurt oder Magdeburg erscheinenund kommt wenig in Betracht, verglichen mit dem Einfluß dergroßen Organe anderer Hauptstädte, welche wohl wissen, daßihr Geist und ihre Ansichten das ganze Land weithin durch-dringen, weil sie überall gelesen werden, und daß ihreIdeen sicher sind auf dem Weltmarkt des öffentlichenLebens zur Geltung zu kommen. Die „Neue freie Presse",eine Zeitung, welche garnicht in Deutschland , sondern inWien erscheint, kann sich eines großen und andächtigen