— Wli —
Leserkreises rühmen, wie ihn nur wenige heimische Journalebesitzen. Gerade diese Lage außer Landes verschafft ihreinen ausgedehnten Umlauf, ganz unabhängig von regio-nalen Grenzen, und der lebhafte Ton, welchen die Wiener Atmosphäre ihr verleiht, entspricht noch besonders dem Ge-schmack gemisser Leserkreise, welche nur selten in den Er-zeugnissen der deutschen Publizistik Befriedigung ihres Sinnesfür Styl und Darstellungsweise finden. Zwar giebt es auchin Berlin verschiedene nicht gouveruemeutale Orgaue, die An-hang im ganzen Reich haben; aber, obgleich sie ihren Sitzin Berlin hatten, bevor dieses Hauptstadt des Reiches war,so verdanken sie ihre zahlreiche Kundschaft nicht diesem Um-stand, sondern dem, daß sie die anerkannten Organe einerPartei sind, deren Mitglieder durch meist konfessionelleBande eng verbunden und daher gewissermaßen gezwungensind, ihr Ohr dem Mundstück ihrer Partei zn leihen. DochAlles, was nicht zu ganz besonderen Zwecken dient, ver-hallt jenseits der Grenzen Berlins . Es giebt eine Anzahlvon Zeitungen in Berlin , welche reichlich mit allen geistigenund finanziellen Hilfsmitteln versehen sind, aber die Be-völkerung in den Provinzen hört nur ab und zu durch Zu-fall etwas von ihrem Inhalt nnd weiß kanm, zu welcherPartei sie gehören, und dennoch beziehen die Einwohner derHauptstadt ihre geistige Nahrung von ihnen und bilden sichein, iu voller Jdeeugemeiuschaft mit den übrigen Lands-leuten zu sein. Hier und da gelingt es einem unternehmen-den Zeitungsbesitzer, diesen Bannkreis zu durchbrechen, indemer einen besonders vervollkommneten Apparat industrivsenVertriebs in Bewegung setzt; aber dieses sind seltene Aus-nahmen, und sie hängen ganz von den damit verbundenen Per-sönlichkeiten ab; und selbst glänzende Erfolge sichren nichtzu dem sicheren Resultat, einen Leserkreis zu einer großenGemeinde über das ganze Land hin zu verbinden.