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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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gelingt es nicht mehr, seinen litterarischen Ehrgeiz oder seinStreben nach einer weit ausgedehnten Sphäre deS Einflusseszu befriedigen, und die wenigen, welche dahin gelangen,sich weit und breit bekannt zn machen, weil sie als Donner-knechte im Dienste des Olympiers stehen, sind mit seltenenAusnahmen von untergeordneter Qualität; denn der Olym-pier befolgt in großen wie in kleinen Dingen den Grundsatzdes ersten Napoleon, daß seine Helfer nicht großer Intelli-genz bedürfen, weil er genug für Alle habe, uud die ihrigesie unzuverlässig machen könne. Es giebt innerhalb wieaußerhalb Berlins geschickte nnd gelehrte Männer, welcheeine Generation hindurch für die Presse geschrieben haben,ohne daß ihr Name außerhalb des eingeweihten Kreisesbekannt geworden wäre. Eine der größten Befriedigungen,welche mit diesem Berufe in anderen Ländern verbundenist und in Wahrheit ihn allein befriedigend machen kann,fehlt hier gänzlich, und eine gewisse Kleingeisterei, welchedie deutsche Presse durchzieht, erklärt sich wahrscheinlich ansdiesem Umstand. Es geschieht äußerst selten, daß ein Jour-nalist einmal in eine höhere politische Stellung aufrückt,was schou die alten bureaukratischen uud aristokratischenTraditionen verhindern, aber selbst ein Übergang in dieparlamentarische Laufbahn kommt hier seltener vor alsanderwärts.

In Verbindung mit diesem Umstand steht die That-sache, daß auch unsere großen Zeitungen nur in den sel-tensten Fällen die Organe besonderer parlamentarischerParteien sind; sie mögen zu gegebener Zeit die eine oder dieandere unterstützen, aber sie würden sich etwas von ihrerWürde zu vergeben glauben, wenn sie iu deu Verdachtkämen, einer bestimmten Partei dienen zu wollen. Es be-steht eine Art gegenseitiger Eifersucht zwischeu Partei undJournal; es geschieht sehr häusig, daß der Redakteur einer