Druckschrift 
5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
Seite
289
Einzelbild herunterladen
 

289

Zeitung dagegen protestiert, daß er im Dienste einer be-stimmten Partei stehe, oder daß eine Partei gegen die Ver-mutung auftritt, sie werde in einer bestimmten Zeitungvertreten. Der deutsche Individualismus und die großeUnWahrscheinlichkeit, daß man von einer freien Laufbahnin die politische Hierarchie eintrete, führen hier wie in sovielen anderen Verhältnissen dazu, die Kräfte zu zersplitternund die Freude an der Arbeit zu schwächen. Ich glaube,beobachtet zu haben, daß die deutschen Korrespondenten infremden Ländern mit mehr Kenntnis ihre Aufgabe erledige»als die meisten ihrer Kollegen; aber recht oft sehen sie dieBegebenheiten, die sie behandeln, durch trübe Gläser an.

Die Unzulänglichkeit der deutschen Presse, wie sie hiereben geschildert ist, wird zum Teil wieder ausgeglichen durchdie große Öffentlichkeit der parlamentarischen Verhandlungenund besonders derer im Reichstag. Was immer da ge-sprochen wird, dringt in jeden Winkel des Reichs, wennauch manchmal in verstümmelter Gestalt, und dies würdeschon genügen, die Existenz des Reichstages zn rechtfertigen,obwohl er weniger Autorität besitzt als irgend ein anderesVolkshaus. Er ist der einzige Ort, von welchem aus ein Mann,obgleich er nicht auf Seite der Regierung steht, sicher sein kann,Gehör zu finden; er ersetzt dadurch eine zentralisierte Presse,und seine Leistungen werden dadurch um so wichtiger,weil er volle Redefreiheit geuießt, eine Freiheit, welche, wiebekannt, heutzutage der Presse nur in beschränktem Maßeeingeräumt ist. In diesem wie in manchem anderen Punktesind die Deutschen während der zwanzig Jahre, die seitdem französischen Kriege verstrichen sind, zurückgegangen.Dies näher zu illustrieren würde uns mitten in die poli-tischen Fragen hineinführen, die wir hier nicht berührenwollen; wir wollen dies nicht mehr thun, als unbedingtnotwendig ist, um die vorliegende Frage zu beleuchten.

Ludwig BambcrgcrS Gcs, Schriften. V. lg