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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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jetzt nicht davon die Rede, und ebenso beklagenswert wärees, wenn der Sinn für Belehrung über auswärtige Dingebekämpft würde, um das Interesse für die eigenen Ange-legenheiten zu heben; denn beide Dinge können sehr gutHand in Hand gehen. Diese beiden Züge, die Fähigkeitzur Erlernung fremder Sprachen und das Verständnis fürfremde Angelegenheiten sind ein Stück der guten Erbschaftdes alten deutschen Wesens, und es wäre eine Versündigungan demselben, wenn man sie methodisch austreiben wollte.Jede Nation hat ihre Vorzüge und ihre Fehler, und werihr Borzüge entziehen will, weil sie unter gegebenen Um-ständen zum Nachteil zu führen scheinen, stört das Gleich-gewicht zu Gunsten der übrig bleibenden unvermindertenFehler. Die naive Beschränktheit der Franzosen in Sachender Kenntnis fremder Länder hängt eng mit ihren Vor-zügen zusammen. Dem Deutschen, welcher dieselben Vor-züge nicht hat, die Fehler des Franzosen einimpfen znwollen, wäre ein trauriges Unternehmen. Nichtsdestowenigersehen wir jetzt Versuche dieser Art anstellen und Symptomedavon in der Presse. Es mag ja heilsam sein, auf künst-liche Weise fehlerhafte, einseitige Tendenzen auf ein richtigesMaß zurückzuführen, gerade wie man einen Stock, der ver-bogen war, nach der entgegengesetzten Richtung biegt, nmihn auf die gerade Linie zurückzubringen; aber man mußSorge tragen, daß der Stock nicht dabei zerbrochen wirdoder, wie man in der Medizin sagt, daß die Kur nichtschlimmer ist als die Krankheit. Ohne in jenen Mystizis-mus zu verfallen, welcher gewissen Nationen gewisse Auf-gaben in der Welt zuteilt, als wenn sie durch eine Vor-sehung zu ihnen berufen seien, kann man doch sagen, daßjede große Natiou während ihrer Entwicklung eine bestimmtenatürliche Aufgabe zu erfüllen hat, denjenigen Teil des all-