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beispielsweise eben bei der Umkehr von der Teurungs- undHungerpolitik geschieht. Natürlich kann dieser praktischenAufgabe kein ästhetisches Hindernis entgegengestellt werden,und beiläufig gesagt, wäre ein Übermaß von Zartgefühlübel angebracht einer Persönlichkeit gegenüber, welche anrücksichtsloser Härte selten übertroffen worden ist. Dielange und schrankenlose Herrschaft des Fürsten hat so nach-haltige Folgen für das Land hinterlasfen, daß man in derpraktischen Politik auf Schritt und Tritt Urteile über dasEinzelne mit unzertrennlicher Rückwirkung ans das Ganzezu fällen in die Lage kommt. Und darum, nicht um einletztes Verdikt über das Ganze zu sprechen, ist es für jedenin diesen Dingen zn Wort Kommenden von Wichtigkeit,über sein Verhalten zur Sache kein Mißverständnis einstießenzu lasseu.
Je mehr ich davon durchdrungen bin, daß die letztenzehn Jahre des Bismarckschen Regiments unberechenbaresUnheil über Deutschland gebracht, weil sie gauze Schichtender Nation in ihrem innersten sittlichen und intellektuellenBestand hernntcrgearbeitet haben, desto mehr halte ich esfür angezeigt, das wahre Verdienst Bismarcks nicht mitdialektischen Einreden zu leugueu. Es ist auch, wenigstensfür diese Art von Abrechnung, einerlei, ob er wirklich dasdeutsche Kaiserreich vou Aufaug an so in die Welt zu setzenbeabsichtigt hat, wie die Ereignisse es herausgestaltet haben.Ich glaube das für meinen Teil durchaus nicht. Aberwenn er es auch von Hause aus nicht so gewollt hat undnur durch die Aufeinanderfolge der Begebenheiten dazu ge-bracht worden ist, so sind die Dinge doch unter seiner Handdas geworden, was sie sind; und darum wird er sich immerauf die Anerkennung berufen köuuen, welche die Beredsam-keit der Thatsachen ihm darbringt. ES giebt ja auch Lentegenug, die da sagen: hätte es Bismarck nicht ans seine
Ludwig Vambcrgcrs Ges. Schriften. V. 2g