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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
Entstehung
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preisgab und sich an garnichts mehr erinnerte, als wasder Herr befahl. Und der Tiefpunkt dieser Rückbildungwurde erreicht, als die Kunst dieser schrankenlosen Will-fährigkeit svgar zu einer preiswürdigen Tugend empor ge-schraubt wurde, die man vorzugsweise dienationale"nannte. Es sei hier z. B. erinnert an das wilde Froh-locken, mit welchem die in ihre» wahren Triebfedernnoch heute nicht enthüllte Austreibung von vierzig-tausend uuschuldigeu Polen beklatscht wurde, ein eigen-tümliches Vorspiel zu dein rührsamen Stücke, welches der-selbe, immer nationale Enthusiasmus ueuerdings für dieBefreiung der Negersklaven im Bund der schöne» Seelenmit Bismarck, Vater und Sohn, zum besten gegeben hat.

Es giebt eine Art von praktischer Gefügigkeit, welcheohne Enthusiasmus und ohne den Anspruch auf Nimbusdas Sichabfinden mit den Umständen für die wahre Lebens-weisheit erklärt.Wenn die Wahrheit", sagt einmal derEingangs zitierte Bnrke in einer Rede,so gewiß feststündewie die Ordnung, so konnte mau dieser die Wahrheit vor-ziehen. Da aber immer zweifelhaft bleiben wird, was dasWahre ist, so hält man sich besser an die Ordnung". Nochweniger herrschsüchtig als diese Nüchternheit tritt die Skepsisbeispielsweise auf in einem Denker wie Renan, der selbstder erkannten Wahrheit für die Menschen die Täuschungvorzieht, weil er meint, diese verschönere ihnen das Leben.Daher er selbst eine Wahrheit selten vorbringt, ohne etwaswohlthuende Täuschuug daneben zu lege». Ein Spöttersagt von ihm, er wirft zwar den lieben Gott ans demFenster, aber er breitet zuvor eine Matratze ans der Straßeunter dem Fenster aus. Solchen liebenswürdigen Skepti-zismus kann man sich noch gefallen lassen, besonders wenner sich ausschließlich auf dem beschaulichen Gebiet des Schrift-stellers bewegt.