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Das historische Element in der Geographischen Wissenschaft.
Indeß so manche Landschaft im continentalcn Gebiete derErde früher eine Stätte hoher Cultur, eine Wiege der Künste und
* Wissenschaften aus höherem Culturzustande schon wieder in Ein-
öden oder Barbarei zurückgesunken ist, so schreitet die gesellschaft-liche und politische Cultur der Völker und Staaten in jenen ocea-nischen Fernen, auf der mehr maritimen Seite des Erdballs, injugendlicher Kraft mit raschen Schritten voran. Der Entwicke-lungsgang ist ein ganz anderer geworden. Entfernungen, Raum-unterschiede, Natnreinslüsse, selbst Naturprodnctionen aller Art,weichen immer mehr in ihrem bedingenden Einfluß auf das'Per-sönliche der Volksentwickelung zurück. Oder mit andern Worten:das Menschengeschlecht wird immer freier von den Banden derNaturgewalten, der Mensch immer mehr von der Erdscholle, die
f ihn geboren, entfesselt. Die Geschichte einzelner Länder und gan-zer Erdtheile bestätigt das.
Der erste Bewohner des sandigen Nilthales war ein Wü-stenbewohner, wie der Libyer, der nomadische Araber es noch heuteist. Aber das Culturvolk der Aeghpticr verwandelte durch Kanal-bau und Irrigation die Wüstenei in die reichste Kornkammer derErde. Sie erhoben sich über die Fessel der Sandwüste, in derenMitte sie sich durch weise Verthcilnng der flüssigen Forin durchdie feste die reichste Landschaft erschufen. . Durch die Faulheitund Tyrannei nachfolgender Geschlechter sank das Thal öfter wie-der zurück in seine Wüstenei. Die Thebais ward wieder zur Wüste,
? die reiche Mareotis zur Sumpflandschaft. Aehnliches wiederholte
sich in vielen andern Gebieten Asiens und Europas .
Ein anderes Beispiel bietet die Naturform der Gebirge dar.In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt war der cul-tivirte Süden Europas von dem uncnltivirten keltischen und ger-manischen Norden durch eine große natürliche Scheidewand, durch
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