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Natur und Geist,
das undnrchbrochenc, noch untvegsame Hochgebirge des mächtigenAlpenzuges, der ganz Mitteleuropa von West nach Ost durch-setzt, getrennt. Im Süden lagen die Culturstaaten der alten Welt;an den Nordhängeu begann der noch rohe keltisch-germanischeNorden. Aber diese Scheidewand ist geschwunden, ja sie ist, wieder alljährliche Besuch der Schweizer -Cautone und der TirolerGane zeigt, zn einem allgemeinen Lande der Anziehung für ganzEuropa geworden. Welche Verwandlung! Von der Provence bisSteiermark erhoben sich in den Alpen eine reiche Fülle staatlicherVilduugeu. Die tiefen Thalschlünde, die größten Höhen sind dichtbevölkert, die Wälder gelichtet, die Felsenwände durchbrochen. Statteiner frühern Hemmung zwischen Süden und Norden, wie zuJulius Cäsars uud Augustus Zeiten, ist ein Land allgemeiner Pas-sage entstanden. Die früher unzugänglichen Bergklüfte uud Berg-firste, die nur noch Adler umschweben konnten, sind jetzt wie diePässe des Mont Cenis, Simplon, St. Gotthard, Splügen , Ber-nardin, und selbst das Stilfser Joch am eisigen Ortelcs zn ge-bahnten Straßen geworden. Ueber den Semmering führt sogarder Wnnderbau einer Eisenbahn. Mau muß zugeben, wie daswilde, unnahbare Roß der Turkestaner Steppe zum gebändigtenedlen Hausthiere der civilisirten Welt umgewandelt, ebenso ist diesalpine Segment des Erdringes in ganz andere Relationen zuseinen Umgebnngen getreten. Der Einfluß dieser grandiosen Na-turform verliert immer mehr und mehr von der bindenden undfesselnden Gewalt für die Völker. Wenn fchon die physikalischeNatur uud die Dimension fast dieselbe bleibt, so ist es das histo-rische Element durch die neugeschaffenen Orgaue, durch die be-seelte Bewegung, durch den Cnlturfortschritt, welches die Völkersich freier von Naturbeziehungen bewegen lehrt. Die Kraft desMenschen nnd der Völker bemächtigt sich aber immerfort dieserNaturbedingungen nnd modifieirt sie.
Iu ähnlichen, jedoch erst auf halbem Wege stehenden Fort-