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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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VORWORT DES HERAUSGEBERS

​​​Memoiren im Sinne anderer Völker sind in Deutschland selten. Goethes​„Dichtung und Wahrheit", BismarcksGedanken und Erinnerungen"gehören der Weltliteratur an, sind aber keine Memoiren. DieDenkwürdig-keiten" des Fürsten Bülow, die nunmehr nach dem Heimgang des Ver-fassers der Öffentlichkeit übergeben werden, sind von ihm, der die Memoircn-literatur Frankreichs und Englands beherrschte, als Memoiren im eigent-lichen Sinne des Wortes gedacht. Sie bringen nur Selbsterlebtes, Selbst-gehandeltes. Nur Vorkommnisse und Personen, mit welchen den Ver-fasser sein langes und erfolgreiches Leben in Berührung gebracht hat,werden behandelt. Philosophische und historische Betrachtungen findensich nur da, wo sie an den eigenen Lebensinhalt anknüpfen. Der Verfasser,sein Handeln und Erinnern steht im Mittelpunkt des Werkes.

Der Subjektivismus, von dem dieDenkwürdigkeiten" des Fürstengetragen sind, strebt vor allem und über alles hinweg nach absoluterRichtigkeit der Darstellung, nach Gerechtigkeit und Objektivität desUrteils über Menschen und Geschehnisse. Seinem innersten Wesen ent-sprechend war er bemüht, kein Wort zu schreiben, keine Urteile zu fällen,keine Handlung zu bewerten, ohne von der Richtigkeit des Gesagtenüberzeugt zu sein. So sehr wünschte Fürst Bülow seinenDenkwürdig-keiten" den Stempel der Wahrheit und Gerechtigkeit aufzudrücken, daßer allem Drängen seiner pohtischen Freunde und Verehrer zum Trotz zäheauf dem einmal gefaßten Beschluß beharrte, seine Memoiren erst nachseinem Tode veröffentlichen zu lassen. In diesem Verzicht auf augenblick-lichen Erfolg, in dieser Zurückstellung jedweden materiellen Interesseserblickte er die einzige sichere Bürgschaft für die von ihm erstrebte Unab-hängigkeit seines Urteils. Er wollte schreiben, wie er dachte, die Menschenbeurteilen, wie er sie sah, gleichgültig, ob es sich um Souveräne oder diplo-matische Kollegen handelte. Er wollte nicht durch Rücksichten persön-licher Art gegen wen immer es sei gebunden sein. Die Welt, in die das Lebenihn gestellt, das Wirkungsfeld, das Gott ihm anvertraut hatte, es sollte sichden späteren Geschlechtern so darstellen, wie er es sich von hoher Wartein seinen Gedanken zurechtgelegt und ausgebaut hatte. Rein in seinem Ge-wissen, in voller Unabhängigkeit seiner Gesinnung, wollte er es der Nach-