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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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VORWORT DES HERAUSGEBERS

weit überlassen, über ibn zu urteilen, zu stolz, um sich selbst verteidigen zuwollen. Der Fürst war zu alt geworden, er war zu abgeklärt, um jedes seinerUrteile, jede seiner Meinungen für unanfechtbar zu halten, und hätte daherjedem Widerspruch, den sein Werk, falls es bei seinen Lebzeiten veröffent-licht worden wäre, gefunden hätte, mit Ruhe entgegengesehen. Was er aberaus innerstem Herzen wünschte, war, daß die Welt an die Aufrichtigkeitund Überzeugungstreue seiner Darstellung glaube. Dafür schien ihm dieposthume Veröffentlichung die sicherste Bürgschaft zu bieten.

Dem Streben des Fürsten nach bestmöglicher Richtigkeit und abso-luter Wahrhaftigkeit entsprach die Gewissenhaftigkeit, die er auf dieDenkwürdigkeiten" verwandt hat. Er war sein ganzes Leben gewohntgewesen zu diktieren, und dem in seinem Arbeitszimmer Aufundabschrei-tenden formten sich die Sätze für die Niederschrift seiner Erinnerungenmit gleicher Mühelosigkeit, wie der Redner Bülow in drei Parlamenten mitsicherer Leichtigkeit seine glänzenden Perioden aneinanderzureihen ge-wußt hatte. Trotz dieser angeborenen Leichtigkeit geistigen Schaffens hatFürst Bülow fünf Jahre auf das Diktat des Textes und drei weitere Jahreauf die sorgfältige, mühevolle Uberprüfung des Textes verwendet. DieBismarcksche Arbeitsschule, in welcher der junge Attache, der Sekretär desBerliner Kongresses, aufgewachsen war, zeigte sich auch im hohen Alternoch nachhaltig und wirksam. Kein Name, kein Datum, kein Zitat, dasnicht mehrmals durch Nachschlagen verifiziert, kein Satz, der nicht wiederund wieder sorgsam abgewogen und gefeilt worden wäre. Das außerordent-lich starke Gedächtnis des Fürsten , das ihn über die Amtszeit hinaus bisins hohe Greisenalter begleitet hat und nicht nur geschichtliche Persön-lichkeiten und Ereignisse, sondern auch bedeutsame Zitate aus der Gedan-kenwelt aller zivilisierter Nationen in ihm aufgespeichert hatte, unterstütztedas Werden des Werkes in hohem Maße. Material im eigentlichen Sinne desWortes lag wenig vor, besonders Briefe in nur geringer Anzahl. VomKaiser war fast kein Brief vorhanden, da Fürst Bülow alle kaiserlichenBriefe, es waren in die Hunderte, nach seinem Rücktritt spontan, auseigener Initiative dem Zivilkabinett zur Verwahrung im Hausarchiv über-geben hatte. So scharf und sicher aber war sein Gedächtnis, daß wiederholtStellen aus Briefen oder Aufzeichnungen, für die anfangs eine schriftlicheUnterlage nicht vorhanden gewesen war, sich bei deren späterem Auf-finden nicht nur dem Sinne nach, sondern fast wortgetreu wiedergegebenerwiesen.

DieDenkwürdigkeiten" umfassen die Zeit von etwa 1850 bis 1919,enden also mit dem Zusammenbruch Deutschlands . Zwei Bände sind demWerdenden und der glänzenden Laufbahn gewidmet, die ihn 1897 zumStaatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin führte, drei Bände dem