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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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VORWORT DES HERAUSGEBERS

Stille zu Gunsten seines kaiserlichen Herrn auszugleichen und abzubiegengehabt hat, ist das Urteil Bülows über den Kaiser nie bitter oder ungerecht.Wenn er den Souverän auch oft rügen und tadeln muß, so wird er dochimmer der bedeutenden Persönlichkeit und den menschlich schönen Seitengerecht, und auch da, wo sein Urteil sich zu ernster Sorge verdichtet, zeigtes sich mehr von freundschaftlichem, ja fast väterlichem Empfinden dik-tiert als vom Geist der Kritik. Diese Betrachtungsweise ändert sich auchnicht, wenn sie an die Darstellung der Katastrophe von 1918 und der Er-eignisse, die sie vorbereiteten, herantritt. Die Sorge um Kaiser und Dyna-stie, die bis dahin überwogen hatte, wird abgelöst durch die noch größereSorge um das Geschick des deutschen Volkes, um die Zukunft, um dieNation.

Nichts aber, was auch immer Deutschland im Zusammenbruch und nachdem Schandfrieden von Versailles an bitterem Leid erfahren haben mag,vermochte den jugendstarken Optimismus zu hemmen, mit dem der weisealte Mann in die Zukunft Deutschlands sah. Wie sein Urteil über den Zu-sammenbruch des alten Systems und die Mängel, die ihn verschuldethatten, gerecht und objektiv war, so zeigt sich auch seine Beurteilung desneuen Deutschlands , bei aller Schärfe, mit der dessen Schwächen gegeißeltwerden, von überzeugtem Hoffen auf eine größere und glücklichere Zu-kunft diktiert. Was er all die Jahre hindurch innerlich litt, in denen er dasSchicksal der Nation den schwachen Händen eines Bethmann, den zau-dernden eines Michaelis, den kraftlosen eines Hertling und zuletzt denneurasthenischen eines Prinzen Max von Baden anvertraut sehen mußte,während im Feindesbunde Staatsmänner von der außergewöhnlichenEnergie und Tatkraft eines Clemenceau, eines Lloyd George ihre Völkerim Geiste des Widerstandes erhielten und mit zielbewußter Zähigkeit zumEnderfolg führten, das klingt in knapper Klarheit aus dem Schlußsatz desdritten Bandes derDenkwürdigkeiten". Es ist hier eine Episode ausHerodot erwähnt. Der Fürst hebte es, die Geschehnisse seiner Zeit an derGeschichte, der großen Lehrmeisterin der Menschheit, zu messen, undschöpfte hierbei mit besonderer Vorhebe aus den ihm von früher Jugend-zeit wohlvertrauten großen Griechen. Ein hochstehender Perser, wenigeTage vor der Schlacht von Platää befragt, warum er seinen FeldherrnMardonius nicht vor einer großen, von ihm klar erkannten Gefahr warne,erwidert dem ihn fragenden Griechen: es gebe auf der Erde keinengrößeren Kummer als den, Einsicht zu besitzen, nicht aber die Macht.

Dieser größte Kummer war mir beschieden", mit diesen Wortenschmerzlicher Tragik zieht der Fürst das Fazit seines großen politischenLebens.

FRANZ VON STOCKHAMMERN f