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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MARSCHALLS GESUNDHEITSZUSTAND" 7

machen und damit meine Hilfsbedürftigkeit gegenüber dem großenGeheimrat erhöhen, der unter Hohenlohe , unter Caprivi und durchseinen alten und starken Einfluß auf Herbert schon in den letztenJahren der Aera Bismarck der maßgebende Mann im Auswärtigen Amt gewesen war.

Während mir Holstein in allen Tonarten zuredete, mir in Berlin undnamentlich in Kiel alle Wege offenzuhalten, trat ein Kanzleidiener herein, dermich zum Staatssekretär bat, oder vielmehr er sprang herein. Die Kanzlei-diener waren durch Herbert Bismarck so angelernt, und sie waren durchihn in eine solche beständige Anspannung und Furcht versetzt worden, daßdie Art und Weise, wie sie auf einen Ruf der Klingel in das Zimmer desStaatssekretärs stürzten, an den Sprung erinnerte, mit dem eine Forelleüber ein Hindernis schnellt. Während meiner zwölfjährigen Amtstätigkeitkonnten sie sich wieder einer ruhigen Gangart befleißigen. Ich habe seltentüchtigere, bravere, ausgezeichnetere Menschen gekannt als die Kanzlei-diener im Auswärtigen Amt . Man brauchte nur in ihre guten, treuenGesichter zu blicken, um zu fühlen, daß wie den preußischen Leutnant soauch den preußischen Unterbeamten uns kein Land der Welt nachmacht.Ich werde diesen ausgezeichneten Männern Mießner und Neumann, Söch-ting und Tagge immer ein dankbares und freundschaftliches Andenkenbewahren.

Ich fand den Staatssekretär von Marschall sehr verstimmt. Er hatte dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" vor sich und las mir das boshafte BeimEntrefilet vor, mit dem das hochoffiziöse Blatt meine Berufung nach Berlin FreiAerra

AJ

verkündet hatte:Der kaiserliche Botschafter in Rom von Bülow wird von arsdem Vernehmen nach heute von dort abreisen, um sich an das HoflagerSeiner Majestät des Kaisers zu begeben. Man geht wohl nicht fehl, wennman annimmt, daß diese Reise mit dem Gesundheitszustand des Staats-sekretärs Freiherrn von Marschall in Zusammenhang steht."

Dieser Hinweis mit dem Zaunpfahl auf seinen durch Arbeit und Angriffeerschütterten Gesundheitszustand hatte Herrn von Marschall nicht mitUnrecht gekränkt. Er witterte hinter dieser perfiden Auslassung seinenintimen Feind Kiderlen. Wie manche Söhne des schönen Musterländle hebteMarschall weder diegroben" Bayern noch dietückischen" Schwaben .Er wußte, daß Kiderlen ihn auf dem Berliner Kasino und anderswo oftlächerlich gemacht hatte, indem er in seiner drolligen Weise erzählte,daß Marschall, der bei seiner Ernennung kein Wort Französisch nochEnglisch gekonnt hätte, seitdem mit einer französischen Gouvernanterechts, einer englischen links in seinem Garten spazierengehe, um auf dieseWeise in die Geheimnisse der beiden Weltsprachen einzudringen. Kiderlenhatte auch mit Wonne das grausame Wort des Fürsten Bismarck über den