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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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PRO PATRIA

Ministre etranger aux affaires" kolportiert. Nachdem er seinem Unmutüber derartigeRüpeleien" Luft gemacht hatte, sprach mir Marschall inernsten Worten seine Befriedigung aus, daß ich und nicht etwa Kiderlenoder Monts zu seinem Nachfolger ausersehen wäre. Ich würde es in mancherBeziehung besser haben als er. Er sei daran gescheitert, daß er trotz seineralten Beziehungen zum Hause Bismarck , die ja wie die meinigen bis inunsere Frankfurter Jugendzeit zurückreichten, und trotz seiner innerlichenBewunderung für den großen Mann durch die Macht der Verhältnisse inscharfen Gegensatz zu Bismarck , Vater und Sohn, gedrängt worden sei.Ich könne mit reiner Weste vor die Bismarcks treten. Auch sei er, Marschall,wiewohl aus der konservativen Partei hervorgegangen, doch genötigt ge-wesen, manchen Strauß gerade mit dieser Fraktion auszufechten, die ihnals Abtrünnigen betrachte und dementsprechend behandele. Endlich habeer trotz seiner konservativen Vergangenheit und obschon er beispielsweiseein ausgesprochener Bimetallist gewesen sei, Handelsverträgen zustimmenmüssen, mit denen die Agrarier sehr unzufrieden wären. Ich könne meinAmt mit der Uberzeugung antreten, daß ich es in allen Dingen leichterhaben würde als er und darum auch dem Lande ersprießlichere Dienste leistenkönne, als er dies durch die unglücksebgen Folgen der Entlassung des FürstenBismarck und unter dem direkten Eindruck dieser Entlassung vermochthätte. Auch sei ich durch meinen ganzen Lebensgang mehr Diplomat alser und kenne das Ausland besser. Jedenfalls wisse er, daß mir wie ihm selbstdas Wohl des Vaterlandes über allem stehe: Ich möge annehmen, pro patria.

Nur leise und mit Würde Heß Marschall durchbbcken, daß er zwar an-gegriffen, weil abgearbeitet, sei, aber nicht so krank, um nicht nochgute Dienste leisten zu können. Er übernähme gern eine Botschaft. Peters-burg traue er sich nicht recht zu, es sei ein gar zu glattes Terrain, auchhabe er ja unter dem Einfluß von Holstein einen großen Anteil an derNichterneuerung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland genommenund sie sogar im Reichstag verteidigen müssen. London sei auch aus-geschlossen, da er die Verantwortung für die Krügerdepesche, was erauch über ihre Vorgeschichte zu seiner Entschuldigung vorbringenkönne, nicht ablehnen wolle. In Wien sei Graf Philipp Eulenburg wohlinamovibel. BHebe noch Rom und Konstantinopel, für welche Posten ersich auch am besten eignen dürfte. Er wisse, daß stark gegen seine Wieder-verwendung im Dienste gearbeitet werde, rechne aber auf mein Wohl-wollen und meine Unterstützung. Unsere Eltern wären ja schon in derguten alten Bundestagszeit befreundet gewesen. Ich konnte Herrn vonMarschall mit gutem Gewissen versichern, daß nicht nur Erinnerungen derVergangenheit, sondern vor allem das Interesse des Dienstes es mirwünschenswert erscheinen Keße, seine Fähigkeiten für das Land zu verwerten,