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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BEI HOHENLOHE

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Konstantinopel wäre wohl der Posten, wo er die besten Dienste leistenkönnte. Er möge seinerseits nicht drängen, ich würde die Sache im Augebehalten und gegenüber dem Kaiser fest für ihn eintreten.

Nachdem ich die zwei wichtigsten Besuche im Auswärtigen Amt er-ledigt hatte, begab ich mich in das Reichskanzlerpalais. Fürst Hohenlohe Der drittemachte mir äußerlich einen älteren und schwächeren Eindruck als bei Reichskanunserer letzten Begegnung. In sich versunken, mit gebeugtem Kopfe, saßder achtundsiebzig jährige Mann in seinem tiefen Lehnstuhl. Ein gelberhübscher Teckel schmiegte sich an ihn und Heß sich von dem Kanzlerstreicheln, dessen Greisenhand mit den in hohem Alter stark hervortretendenbläulichen Adern das niedliche Tierchen bebkoste. Der Kanzler empfingmich mit einem Zitat:

Hier steh' ich, ein entlaubter Stamm,"

Aus der Trennung von Marschall schien er sich nicht viel zu machen.Marschall sei ein Opportunist, der heute mit diesem, morgen mit jenemWinde segle, habe sich auch viel zu sehr in eine gehässige Feindschaft gegendas Haus Bismarck verbissen, weil er dem Fürsten einige sarkastischeBemerkungen über seine Unfähigkeit für die Leitung der auswärtigenPohtik und Herbert Bismarck die grobe Szene, die ihm dieser nach demSturze der Familie Bismarck im Hause des bayrischen Gesandten Lerchen-feld gemacht habe, nicht vergessen könne. Herbert Bismarck sei damals, wieoft, zu leidenschaftlich und exzessiv gewesen, in der Sache aber habe ereigentlich recht gehabt, denn von Politik, wenigstens von großer Politik,verstehe Marschall nicht viel. Er sei mehr Jurist als Diplomat. Als icheinwarf, daß meines Erachtens Marschall an manchem diplomatischemPosten, beispielsweise in Konstantinopel, gute Dienste werde leistenkönnen, meinte der alte Fürst, seinetwegen könnte ich Marschall hin-schicken, wohin ich wolle, nur nicht gerade nach Paris oder Petersburg, dapasse er wirklich nicht hin. Fürst Hohenlohe betonte hierbei, von wieüberragender Wichtigkeit die Pflege guter Beziehungen gerade zu Rußland wäre.Wir müssen tun, was möglich ist, um die Folgen der größten Sottise,die unsere Politik seit sieben Jahren gemacht hat, nämbch die Kündigungdes RückVersicherungsvertrages mit Rußland , einigermaßenwiedergutzumachen."

Fürst Hohenlohe gab mir dann ein Bild der internationalen Lage undbewies durch seine im Flüsterton gehaltenen, aber gedanklich klaren Aus-führungen, daß er noch im Besitz der Eigenschaften war, die seinem Urteilin meinen Augen seit jeher großen Wert gegeben haben: ruhiges, durchausnüchternes Abwägen der verschiedenen Interessen, ganz realpolitischesEinschätzen der Kräfte und Ziele der verschiedenen europäischen Staaten.