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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE ALTE REI CHSSCHAUTE'

Beide Eigenschaften getragen von der Erfahrung eines fast achtzigjährigenLebens und dem Weitblick des Grandseigneurs, der nicht nur viel gesehenhat, sondern dem auch, was mindestens ebenso wichtig ist, weniges impo-niert. Wenn der Kanzler sich von Marschall ohne übertriebenes Bedauerngetrennt hatte, so ging das Scheiden von Bötticher ihm nahe. Bötticherwar ein Beamter nach seinem Sinn: arbeitsfreudig, bereit, nach höherenWünschen und wie es gerade befohlen wurde, Bechts- oder Linksgalopp,zu gehen. Bötticher hatte auch durch seine etwas subalternen Formen dasHerz des alten Fürsten gewonnen, der nicht vergaß, daß sein Haus einstsouverän gewesen war und daß noch sein Großvater selbst Minister an-gestellt und entlassen hatte. Er war nie zufriedener, als wenn er, zweimalim Jahr, an seinem Geburtstag und an dem Geburtstag der Fürstin, seinenHausorden, den Phönixorden, anlegte, den Philipp Ernst I., Fürst zu Hohen-lohe , 1757 gestiftet hatte und der unter Anspielung auf den Namen deserlauchten Geschlechts die Devise trug:Ex flammis orior." Bötticherhatte das ganze Herz Seiner Durchlaucht dadurch gewonnen, daß er ihnstetsmein gnädiger Herr" nannte. Er opferte den guten Bötticher ungerndem rasenden See der hinter der sogenannten Bismarckfronde und demBund der Landwirte stehenden Konservativen. Hohenlohe frug mich, wasich von Posadowsky hielte. Er gelte für einen Streber und Scharfmacher.Ich erwiderte, daß ich Posadowsky noch gar nicht kenne, was den Kanzlerangenehm berührte. Ich fügte hinzu, daß nach allem, was ich hörte,Posadowsky ein hervorragend tüchtiger Beamter wäre.

Probleme der inneren Politik schienen den Fürsten besonders zu prä-okkupieren. Auf diesem Gebiet waren für ihn offenbar zwei Gesichtspunktemaßgebend: der dringende Wunsch, seine seit dem Jahre 1848 und inMünchen wie in Berlin und Straßburg sorgsam aufrechterhaltene undgepflegte Aureole als liberaler Staatsmann nicht einzubüßen, dadurch aberdoch nicht das Wohlwollen und die Gunst des Kaisers zu verlieren. Erwiederholte mehrfach, er wünsche sich einmal in Frieden vom Kaiser zutrennen. Er wolle weder wie Bismarck mit einem Krach von Seiner Majestätscheiden, noch wie Caprivi als unbequemer Haushofmeister verabschiedetwerden, dem die Herrschaft, weil er ihr durch Eigensinn und Harthörigkeitauf die Nerven geht, schließlich den Stuhl vor die Tür setzt. Das Verhältnisdes Fürsten zum Kaiser war nicht ganz einfach. Der Kaiser nannte ihnOnkel und motivierte dies damit, daß die Mutter der Kaiserin eine Hohen-lohe gewesen wäre. Die Kaiserin aber nannte den Fürsten Chlodwig vorMenschen niemals Onkel, sondern nurlieber Fürst ", betonte auch nieirgendwelche Verwandtschaft. Wenn der Kaiser dies tat, so hinderte ihndas nicht, sich oft sehr ungeniert über Onkel Chlodwig auszudrücken, denerdie alte Beichsschaute" zu nennen pflegte. Der Fürst war schwerhörig