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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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TISCHGESPRÄCH BEI BISMARCK

nur die Zuverlässigkeit des Charakters, sondern auch ein sicheres Urteilund feinen Takt geerbt hatte. Er war für den schon recht alt gewordenenund in Fragen der Verwaltung und Gesetzgebung, überhaupt auf geschäft-lichem Gebiet wenig beschlagenen Fürsten Hohenlohe eine ausgezeichneteStütze. Er hat später mich in die Geschäfte des Reichskanzleramtes mitUmsicht eingeführt, war dann Oberpräsident zweier Provinzen, Schleswig-Holstein und Sachsen, und stand am Ende seines Lebens im Herrenhausals Führer der konservativen Fraktion seinen Mann.

Am 28. Juni trafen wir um die Mittagsstunde in Friedrichsruh ein. Wir

Bismarck wurden am Bahnhof von dem Schwiegersohn des Fürsten , dem GrafenCuno Rantzau , empfangen. Beide Söhne waren abwesend, dagegen weilte

Hohenlohe e ' n a j ter un( j treuer Freund des Bismarckschen Hauses, Freiherr Ferdinandvon Stumm, zuletzt Botschafter in Madrid , von welchem Posten er durchHolsteinsche Intrigen verdrängt worden war, zum Besuch in Friedrichsruh .Fürst Bismarck begrüßte den Fürsten Hohenlohe mit ausgesuchter und,wie mir schien, geflissentlicher Courtoisie. Er wollte offenbar noch äußerlichden Unterschied markieren, den er zwischen dem dritten und dem von ihmheftig befehdeten zweiten Reichskanzler machte. Ich fand den FürstenBismarck stark gealtert, aber aufrecht in seiner Haltung, geistig ganz deralte, die Augen und der Blick gleich gewaltig, die Stimme ebenso fein undleise wie früher. Er begrüßte Wilmowski und mich mit freundlichemHändedruck als alte Bekannte. Bei Tisch drehte sich die Unterhaltungnamentlich um die russischen Besitzungen des Fürsten Hohenlohe , auf dieFürst Bismarck wiederholt zurückkam, indem er den Wunsch aussprach,daß man seinem zweiten Nachfolger den großen und schönen Besitz Werkilassen möge. Er erkundigte sich auch lebhaft nach der Fürstin Hohenloheund fragte, ob die Frau Fürstin noch so eifrige Bärenjägerin wäre wie früher.Wie viele Bären sie in Werki schon zur Strecke gebracht habe? Er selbsthätte in Rußland seinerzeit manchen Bären erlegt. Leider wäre auch diesVergnügen für ihn vorüber. Gegen Ende des Essens fragte mich FürstBismarck , wie es meinem Vater ginge. Seine Tochter, die Gräfin Rantzau,fiel ihm rasch ins Wort mit der Bemerkung, daß der Staatssekretär vonBülow, der zu seiner Zeit diese Stellung bekleidet hätte, schon vor Jahrenverstorben wäre. Ich bemerkte nach dieser Richtigstellung einen wehmütigenZug um die Mundwinkel des Vaters. Es schien ihm peinlich, sich diesekleine Blöße gegeben zu haben.Es war nicht Gedächtnisschwäche", sagtemir nach Tisch die Gräfin Rantzau, ,,es war nur Zerstreutheit." Der Fürstkam später noch einmal auf mich zu, gab mir wieder die Hand und sagte mitgütigem Ausdruck:Ich habe weder Ihren Herrn Vater vergessen noch Sie."

Nach dem Kaffee und der Zigarre unternahm Fürst Bismarck mitdem Reichskanzler eine Spazierfahrt, nach deren Beendigung wieder die

HB