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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NIEMALS MIT BISMARCK ALLEIN

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allgemeine Unterhaltung aufgenommen wurde, an der Baron Stummsich lebhaft beteiligte, der sich als ein ebenso liebenswürdiger Gesell-schafter zeigte, wie er in London und Paris, in Petersburg und Madrid ein fähiger und tüchtiger Diplomat gewesen war. Ferdinand Stumm hattenur eine kleine Schwächerer war einmalade imaginaire". Er erfreute sicheiner ausgezeichneten Gesundheit und sollte sich bis in ein vorgeschrittenesAlter ungewöhnliche körperliche und geistige Elastizität und ein jugend-bches Äußeres bewahren. Dabei klagte er unausgesetzt, daß ihm kein langesLeben bevorstünde. Seine reizende Tochter, die Fürstin Maria Hatzfeldt-Wildenburg, schenkte ihm einmal zu seinem Geburtstage einen von ihrselbst geschnitzten schönen Rahmen, in den sie unter Abwandlung desbekannten rührenden Ausspruchs des sterbenden Kaisers Friedrich dieWorte eingegraben hatte:

Lerne zu klagen, ohne zu leiden."

Fürst Bismarck fand während unseres Besuches am 28. Juni keineGelegenheit, allein mit mir zu sprechen. Ich hatte die Empfindung, daßFürst Hohenlohe das auch nicht gern gesehen haben würde. Nicht ausEifersucht, die diesem wahren Grandseigneur fernlag, aber vielleicht, umbei seiner nächsten Begegnung mit dem Kaiser Seiner Majestät mit gutemGewissen sagen zu können, ich hätte keine Gelegenheit gehabt, allein mitdem Alt-Reichskanzler zu sprechen. Namentlich Holstein, vor dem FürstHohenlohe eine starke Scheu empfand, wollte er das mit gutem Gewissenversichern können. Seit der Entlassung des Fürsten Bismarck wurdevon Holstein mit verbissener Gehässigkeit der Grundsatz vertreten, daßunter keinen Umständen der Schein entstehen dürfe, als ob der neue Kurssich bei dem großen Träger des alten Kurses Rat hole oder der Belehrungvon dieser Seite bedürfe. Während sich Fürst Hohenlohe mit GräfinRantzau und Baron Stumm unterhielt, fand Fürst Bismarck aber dochGelegenheit, mir mit einem Seitenblick auf den Fürsten Hohenlohe zusagen:Es ist nützlich, ihn auf Werki scharf zu machen, damit er säuberlichmit dem Knaben Absalon in St. Petersburg fährt, den zu verstimmen odergar zu reizen wir keinen Anlaß haben." Es war mein erster Besuch inFriedrichsruh . Ich war ergriffen von der Einfachheit des Hauses, der Be-scheidenheit der Möbel, der völligen Schmucklosigkeit und, um alles zusagen, von dem unkünstlerischen Charakter der ganzen Einrichtung. Keinschönes Bild hing in Friedrichsruh außer einem herrlichen LenbachschenPorträt des Fürsten . Von einer größeren Bibliothek war nichts zu sehen,von Plafonds, Gobelins und orientalischen Teppichen war erst recht nichtdie Rede. Die Sonne Homers hatte diesem Hause nicht gelächelt, und vondem Glanz der italienischen Renaissance, der manche Schlösser in Deutsch -