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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WILHELM II. UND DIE VERBLENDETEN

einem gewissen Grad für ihn auf mildernde Umstände anträgt. Die Redenund das Gebahren des Prinzen Ludwig in dieser Richtung sind sehr typisch.Es tritt das Solidaritätsgefühl der Prinzen in Erscheinung und die Erkennt-nis, daß, fällt Berlin, die monarchischen Kartenhäuser hier in München , inStuttgart und Greiz nachstürzen. Dabei ist man hier über die Gemüts-disposition des Kaisers völlig orientiert. Ich glaube kaum, daß letztere soernst ist, wie die Pessimisten annehmen, daß aber Gefahr im Verzuge, istmein Eindruck, auch nach meinem letzten Ersehen." Monts hatte bei einemBesuch in Berlin den Kaiser unter vier Augen hebenswürdig und soweitverständig gefunden.Dann kamen mehrere Leute. Der Kaiser renommierte,wurde unklar und unangenehm, auch traten fixe Ideen zutage, Verfol-gungsideen betreffend Bismarck, die Überhöhung des alten Wilhelm usw.Was man auch sagen mag, hier Hegt der Hund begraben. Ich habe, Sieglauben nicht, was man hier hört, und auch in Berlin , aus Andeutungen vonÄrzten entnommen, daß der Kaiser noch zu kurieren sei, mit jedem Tageaber die Möglichkeit geringer würde. Phili darf man über diese Dinge nichtsprechen, er ist als Gefühlsmensch für solche Reflexionen nicht zu haben,glaubt außerdem trotz aller Evidenz, wie ich meine, ehrlich, an allen Ge-rüchten sei kein wahres Wort. Meine einzige Hoffnung ist nur der Kaiserselbst. Ob er nicht doch gelegentlich einen Einblick gewinnt, fühlt wie esmit ihm steht und wohin er sein Vaterland gesteuert hat. Wäre er vonehrlichen Leuten umgeben, müßte bei der hohen Intelligenz von S. M., beiden vielen ruhigen und klaren Momenten, schon längst der psychologischeAugenblick da sein. Es scheinen aber zu viel Ehrgeiz, zu viele Verblendetedie guten Regungen schnell wieder zu ersticken in der Lage zu sein. DasJagen von Ort zu Ort, von Fest zu Fest, der Verkehr mit allen und jedemläßt keine innere Prüfung zu. Meine Uberzeugung trotz alledem ginge dahin,daß ein Jahr ruhigen Landlebens, wobei nur die nötigsten Repräsentations-pflichten erfüllt würden, das Gleichgewicht wieder herstellen könnte. Ent-schließt sich aber S. M. hierzu nicht, so sehe ich eine unvorbereitete Gewalt-politik voraus, Staatsstreiche, die ohne Zweck und Ziel auf ihre Urheberzurückfallen und mit dem Ende Kaiser Wilhelms II. schließen werden. Da-zwischen wird freilich unendlich viel nach innen und außen verloren gehen.Ein Schwimmen gegen den Strom brachte selbst Caprivi und sein AdjutantEbmeyer ä la longue nicht zu Wege. Die Nation, kinderleicht zu führen wiekein zweites Volk der Welt, läßt sich nicht an das Gängelband des absoluten Herrschers, der Junker und Pfaffen mehr nehmen. Der Deutsche ver-langt ruhigen Genuß der bürgerlichen Freiheit, wobei er gern eine starkemonarchische Gewalt über sich weiß. Die Lage nach innen wäre ja sogünstig. Der Sozialdemokrat wächst sich zum radikalen Philister aus, seineFührer sind nicht minder uneins wie die Koryphäen des Zentrums, die