INTRIGANTEN
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Begehrlichkeit der agrarischen Konservativen wird nur durch ihre Borniert-heit übertroffen. Man könnte peu ä peu alles mittelst divide et impera undohne irgendwelche Konzession von den Leuten erreichen, und so machtman immer das Umgekehrte von dem, was zum Ziele führt. Diese Vereins-novelle! Wie der alte Hohenlohe darin willigen konnte, ist mir noch un-klar, da ich einige Zeit ohne Nachricht bin. Und dann dieser Hornochse,der Recke , der steht ja noch tief unter Koller. Sein Auftreten war ein gerade-zu klägliches. Ein zweites hübsches Lied könnte ich Ihnen von dem zweiten,Versprechen' des Kanzlers singen, der Strafprozeßsache. Das Schlimmsteist, daß der Standpunkt der sogenannten Berliner Regierung je nach demmomentanen Einbläser immer wieder wechselt. Zweimal konzedierte manBayern seinen obersten Gerichtshof, zweimal nahm man dies zurück. DerPatriot muß wirklich sein Haupt verhüllen. Der klare Mann sieht den Ab-grund, dem wir zueilen, aber ändern kann er es nicht. So denkt ja auchHolstein. Inzwischen ist innerhalb Deutschlands und angesichts des Ein-greifens des Kaisers auch in die äußere Pobtik doch ziemlich weiten Kreisendie Einsicht aufgegangen, wie vortrefflich die Nachfolge des großen Kanz-lers, in dessen eigenstem Departement der Wilhelmstraße, ihres Amteswaltet. Ich konnte dies unzweifelhaft konstatieren. Nur so erklärte es sichauch, daß die allgemeine Enttäuschung über das Vereinsgesetz, die trotz derLandratskammer bis weit in konservative Kreise reicht, sich nicht in In-vektiven gegen den alten Kanzler Luft machte. Allseitig, am wenigsten vonder ,Kreuzzeitung' und ihrem traurigen Agrariergefolge, wurde Hohenlohe geschont. Auch wird bisher noch von keiner Seite, außer gewissen Kuckucks-eier legenden Intriganten, die Einlösung des zweiten Versprechensurgiert. So möchte ich beinahe hoffen, wir erreichen das Triennium desHohenloheschen Kanzlertums. Was aber dann ?! Alfred wird Ihnen erzählthaben, welch tiefen Groll S. M. gegen Marschall hegt und wie Alfred undich inständigst auf Phili einwirken, daß er dagegen Einspruch erhebt.Phili sagte dies auch zu und erkennt am besten die momentane Unentbehr-lichkeit von Marschall. Geht aber Marschall, geht auch Holstein, wie wohlauch Hohenlohe , der jetzt sehr richtig bedauert, Bronsart geopfert zuhaben, ohne Marschall nicht bleibt. Utinam dii immortales hanc rem benevertant, können wir nur sagen. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Sommer. Gott behüte Sie. Empfehlen Sie mich Ihrer heben guten Frau. Stets Ihr treuerAnton Monts ."
Die Situationsberichte von Monts gaben mir von der Lage der Dingein Deutschland ein in manchen Einzelheiten und insbesondere in den Der Wert derWerturteilen nicht immer zutreffendes, aber doch auf scharfer Beobach- Montsschentung beruhendes Bild. Es war ein für die mir bevorstehende Aufgabe wenig Bericllteermutigendes Bild. Und was das Übelste war: die Schilderungen von