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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SPAZIERGANG MIT S. M.

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heitlich sehr zuträgliche Leidenschaft für frische Luft geerbt. Namentlichin seinen ersten Herrscherjahren hatte er die Kräfte alter Exzellenzen ausder Regierungszeit seines Großvaters auf eine harte Probe gestellt, wenn erihre Vorträge bei raschem Gehen oder gar auf schwankendem Schiff ent-gegennahm. Ich war körperlichen Anstrengungen gewachsen und ging gernauf den Vorschlag einestüchtigen Spaziergangs" ein. Der Kaiser ließ sichmit mir an Land setzen und schritt rüstig querfeldein. Er war damals dasBild der Gesundheit und Kraft, nicht so stattlich wie sein Vater, nicht ehr-furchtgebietend wie sein Großvater, aber voll Leben und Unternehmungs-geist, eine sehr anziehende Erscheinung. Wir begegneten auf unsererWanderung, meist auf Sandwegen und längs der Holsteinschen Knicks,nur hin und wieder Arbeitern und Tagelöhnern. Es fiel mir auf, und ichfreute mich, wie völlig gleichgültig und unbesorgt der Kaiser, obschon sichweder Polizisten noch Detektive in der Nähe zeigten, auch offenbar fürseinen Schutz keinerlei Maßregeln getroffen waren, gegenüber jederAttentatsgefahr erschien. Kritische Beobachter und Beurteiler SeinerMajestät, an denen es gerade in seiner Nähe nicht fehlte, meinten, das seider Schneid der Unwissenheit. Der Kaiser fürchte nie, was er nicht mitHänden greifen könne; trete aber die Gefahr unmittelbar vor ihn, so seideren Eindruck auf ihn desto stärker. Ich halte auch heute diese Beur-teilung für ungerecht. Der Kaiser besaß zweifellos physischen Mut.Schon daß er sich mit nur einem brauchbaren Arm zu Pferde setzte, un-verzagt darauf losritt, ja Hecken und Gräben nahm, bewies seine Furcht-losigkeit. Als sich mehrere Jahre später bei Wilhelm II. eine Wucherungim Halse zeigte, was in Erinnerung an das Krebsleiden seines Vaters wohljeden Menschen stark impressioniert haben würde, verlor er in keiner Weisedie Haltung. Nervöse Zusammenbrüche traten bei ihm ein nach großenseelischen Enttäuschungen oder wo er sich vor einer schweren politischenGefahr sah oder zu befinden glaubte, die ihn aus dem Himmel seinerPhantasien riß. Ohne einfool" zu sein, lebte er nun einmal oft ina fool'sparadise". Für sein seelisches Gleichgewicht war ich oft besorgt, und zu denGründen meiner auf die Erhaltung des deutschen Friedens gerichtetenPolitik gehörte, wenn auch nicht in erster Linie, die Überzeugung, daßWilhelm IL nicht wie sein Vater und Großvater oder gar der große Königseelisch den Wechselfällen und Prüfungen der ganzen Belastungsprobeeines großen Krieges gewachsen sein würde. Ich bin überzeugt, daß derKaiser dies auch selbst fühlte und daß das einer der Gründe war, aus denener lebhaft wünschte, daß ihm die Prüfung eines großen Krieges nicht auf-erlegt werden möge.

Während wir weiterschritten, frug der Kaiser zum zweiten Male:Wie steht es also mit meinen Schiffen?" Ich entwickelte ihm nun