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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NUN, DAFÜR SIND SIE JA DA!"

meine leitenden Gedanken in dieser Richtung. Es stehe für mich außerZweifel, daß wir die Milliardenwerte schützen müßten, die wir nach undnach dem Meere anvertraut hätten, unsere Schiffahrt, unsern Handel,unsere gewaltig sich entwickelnde Industrie. Die Industrialisierung Deutsch-lands hätte sich mit einer Vehemenz vollzogen, die nur in den VereinigtenStaaten ihresgleichen habe. Noch Ende der siebziger Jahre habe die deutscheLandwirtschaft so viele Menschen ernährt wie Industrie und Handel zu-sammen, beim Rücktritt des Fürsten Bismarck habe sie allein hinter derIndustrie um mehr als eine Million Berufsangehöriger zurückgestanden.Es werde immer eine der wundersamsten Erscheinungen der Geschichtebleiben, daß der Staatsmann, der wie kein zweiter aus der deutschen Erd-scholle emporgewachsen war, der Gutsherr von Schönhausen und Deich-hauptmann des Kreises Jerichow, der Mann, von dem, als er schon langeReichskanzler war, seine Frau sagen konnte, eine Wruke (Kohlrübe)interessiere ihn mehr als die ganze Politik, der Mann, der noch am Ausgangseines Lebens sich um jede Einzelheit in der Landwirtschaft seiner Güterkümmerte, mehr zur Industrialisierung Deutschlands beigetragen habeals irgendein anderer:Was er webt, das weiß kein Weber." Die Gefahreneiner zu weit gehenden Industrialisierung habe Fürst Bismarck ex postnicht verkannt und ihnen durch kräftiges Eintreten für den Schutz derLandwirtschaft nach Möglichkeit entgegengewirkt. Fürst Bismarck habedie nach 6einem Rücktritt erfolgte Herabsetzung der Getreidezölle durchCaprivi meines Erachtens mit Recht getadelt und trete ja gegenwärtig,wie ich glaube auch mit Recht, für die Erhöhung der landwirtschaftlichenZölle ein. Mit den gegebenen Faktoren müsse man aber in der Politik immerrechnen. An der riesigen, vielleicht übertriebenen, aber nun einmal vor-handenen Entfaltung von Industrie, Handel und Schiffahrt sei nichts zuändern. Wir müßten diese Erwerbszweige, von denen Wohlstand und Lebenvon Millionen Deutschen abhänge, zweifellos besser schützen, als dies bisherder Fall gewesen wäre. Sei das möglich, ohne mit England aneinanderzu-kommen ? Ganz leicht würde das nicht sein, wie dies die Politik Englands in früheren Zeiten gegenüber seinen wirtschaftlichen Konkurrenten undnamentbch seefahrenden Konkurrenten zeige. Die Voraussetzung desErfolgs sei für uns eine ruhige, vorsichtige und, wenn ich mich so aus-drücken dürfte, eine elastische Politik von unserer Seite.Nun, dafür sindSie ja da!" unterbrach mich der Kaiser. Ich bat Seine Majestät, nicht anmeinem guten Willen zu zweifeln, dieser genüge aber nicht, ich müsse auchvon ihm unterstützt werden. Er schlug mir auf die Schulter und meinte,ich könne auf seine volle Unterstützung und sein volles Vertrauen rechnen.

Ich deutete an, daß es sich nicht nur um aktive Hilfe von seiner Seitehandele, sondern auch, und zwar vor allem, umnegative Unterstützung".