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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE GARDINENPREDIGT

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Er dürfe nichts tun und nicht zu viel sagen, was den inneren und unterUmständen auch den äußeren Frieden gefährden könne.Aha!" lachte derKaiser,nun fängt die Gardinenpredigt an! Na, nur immer los." Ich hobfreimütig den sehr ungünstigen Eindruck hervor, den die BrandenburgerRede auch auf absolut königstreue Kreise ausgeübt habe, und wies daraufhin, daß es nicht vorsichtig und jedenfalls nicht nötig gewesen wäre, beider Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Köln am Waterloo-TageEngland mit dem Dreizack, der in unsere Faust gehöre, vor der Nase herum-zufuchteln. Ich wisse wohl, daß wir in Deutschland , wie die Verhältnissebei uns nun einmal lägen, den Bau der zu unserer Verteidigung nötigenFlotte nur durchsetzen würden, wenn die dazu notwendige nationale Stim-mung hervorgerufen werde. Marschall und Bötticher hätten das Ziel durchVerhandlungen mit den Fraktionen und Fraktionsführern erreichen wollen,das sei so aussichtslos wie die Bemühungen der Danaiden,Wasser in ein boden-loses Faß zu schöpfen. Bei den Konservativen sei vorläufig wenig Neigungfür den Bau der Flotte vorhanden. Das Zentrum würde unter Umständenmitmachen, aber verlangen, daß ihm zur Belohnung eine große Extrawurstgebraten würde. Sicher wären eigentlich nur die Nationalliberalen und viel-leicht ein Teil des Freisinns, die sogenannten Wadenstrümpfler, die Hof-gänger um Rickert und Barth, schwerlich aber Eugen Richter in den Wasser-stiefeln seiner etwas engen und philiströsen Anschauungen. Mit heftigemWiderstand von Seiten der Sozialdemokratie wäre natürlich unter allenUmständen zu rechnen. Die Parteien und vor allem ihre Führer würden nurmitmachen, wenn wir im Lande eine starke Strömung für den Flotten-gedanken hervorriefen. Wir müßten die nationale Trommel rühren.Nurzu, nur zu!" rief freudig und begeistert der Kaiser. Ich sagte ihm, daßFlottenverein, Professoren und Patrioten von allen Richtungen gewiß dasihrige tun würden. Es käme aber darauf an, dadurch nicht die Beziehungenzu England in einer nicht wieder gutzumachenden Weise zu verderben. Ichsei fest überzeugt, daß wir den Bau einer für unsere Bedürfnisse, d. h. fürunsere Sicherheit und zu defensiven Zwecken ausreichenden Flotte ermög-lichen könnten, ohne mit England in Krieg zu geraten, wenn wir uns allerExzentrizitäten enthielten, andererseits England aber auch nicht dadurchdie Flanke zu erfolgreichem Angriff böten, daß wir mit Rußland in Feind-schaft oder gar in ernstlichen Konflikt gerieten.

Der Kaiser beteuerte mir mit dem Akzent voller Aufrichtigkeit, daß ernichts sehnlicher wünsche, als mit Rußland die Freundschaft wiederherzu-stellen, die zu den Zeiten seines Großvaters und seines Urgroßvaters die beidenHöfe und die beiden Länder verbunden habe.Und dann sollen die Engländervor Neid platzen." Ich erwiderte, man dürfe sich in der Politik nie von demWunsche leiten lassen, diesen oder jenen zu ärgern. Also nicht Rußland