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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER MANGEL AN KONTINUITÄT

entgegenkommen, nur um England zu ärgern, und umgekehrt! Eine ruhige,sachliche Politik nach beiden Seiten, ohne sich weder von dem einen noch vondem andern vorschieben und ausbeuten zu lassen, aber auch ohne dem einenoder dem anderen nachzulaufen, damit kämen wir am weitesten. Ich fühlte,daß ich dem Kaiser schon etwas zu sehr als Mentor erschien, der seinen Tele-mach mit grauer Theorie plagt, statt ihm Früchte vom Baum des Lebens zureichen.Die Leute bei uns müssen aber Ziele haben", meinte er,ohneZiele, ohne daß die Leute sehen, daß wir etwas erreichen, daß wir auch mit-sprechen, ist keine Stimmung zu erzielen. Bismarck hat doch auch Kolonienerworben."

Ich räumte die Richtigkeit dieses Hinweises ein. Vielleicht ließesich auf diplomatischem Wege dies oder jenes in Polynesien machen.Auch in Ostasien liege für deutschen Unternehmungsgeist ein weites,überaus fruchtbares Feld. Ich hätte in den Akten, die ich im Semmering studiert habe, gesehen, daß von Seiten der Marine an allerlei Stützpunktean den zukunftsreichen Gestaden des Stillen Ozeans gedacht werde. Eskäme darauf an, den richtigen Moment abzuwarten und dann zu erfassen.Ostasien auf der einen Seite, Kleinasien auf der anderen wären Länder,wo wir uns nicht ganz ausschalten lassen dürften. Wir müßten aber vor-sichtig operieren.

Mein wiederholter Hinweis auf die gebotene Vorsicht namentlichauch in Worten wurmte den Kaiser, den meine Mißbilligung seinerKölner Dreizackrede ohnehin verstimmt hatte. Ich bat ihn, michnicht für ängstlich zu halten. Ich hoffte, ihm noch beweisen zu können,daß ich dies nicht wäre. Aber wir dürften die Lehren der deutschen Ge-schichte nicht vergessen. Das tragische Verhängnis der deutschen Geschichtesei ihr Mangel an Kontinuität. Treitschke habe mit Recht von den spär-lichen Silberblicken in unserer Geschichte gesprochen, von jener deutschen Kaiserherrlichkeit des Mittelalters, die dahinging wie der Traum einerSommernacht. Wir sähen in Deutschland auf keine einfache, ungebrocheneEntwicklung zurück wie Frankreich , wo Thiers in einer für die Franzosenschwarzen Stunde, im Februar 1871, in Bordeaux in der Nationalversamm-lung tröstend auf dieadmirable unite de l'histoire de la France" hinge-wiesen habe, wie in England , wo noch heute die Nachkommen der Staats-männer regierten, die unter der Königin Elisabeth und mit KönigWilhelm III. die Geschicke des Landes geleitet hatten, und wo die heuteRegierenden die Geschäfte nach denselben Gesichtspunkten und ungefährmit den gleichen Mitteln führten wie einst ihre Vorfahren. Wir dürften imHinblick auf unsere oft unglückliche, verbogene Geschichte nie die Gefahrvon Rückschlägen vergessen. Dazu fordere uns auch die preußische Ge-schichte auf mit ihren herrlichen Aufstiegen, denen aber bisweilen furcht-