DIE HYDRA
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seinen Schrullen doch von heiligem Eifer für die Sache, das heißt für dieihm so teure Flotte, deren Ehre und Ruhm erfüllt war. Es ging nicht mehr,als Herr von Valentini dem Zivilkabinett, Admiral Müller dem Marine-kabinett und General von Lyncker, ein untadliger Ehrenmann, aber klein-lich und engherzig, dem Militärkabinett vorstand. Die Kabinettswirtschaftwährend des Weltkrieges hat zweifellos das ihrige zu unserer Niederlagebeigetragen. Wenn Großadmiral von Tirpitz in seinen Briefen an seineFrau sie als eine „Hydra" bezeichnet und die drei Kabinettschefs als die dreiKöpfe dieser neuen lernäischen Schlange, wenn er gegen die „feste Stuck-mauer um den Kaiser herum", gegen „die verfluchte Bande in Pleß"wettert, wenn er von „einer Kabinettsregierung wie vor Jena" spricht undausruft, der Hydra müsse zu Leibe gegangen werden, die Kabinettschefsgehörten an den Laternenpfahl, so ist dieser Wutschrei des Erbauers derFlotte nach allem, was er selbst unter den Quertreibereien des Admiralsvon Müller gelitten hatte, wie nach den Beobachtungen und Wahrneh-mungen, die er aus nächster Nähe über den traurigen Herrn von Valentinianstellen konnte, menschlich wohl begreiflich. Facit indignatio versum.
Wenn die Kabinette, die große und wichtige Interessenkreise desstaatlichen Lebens wie in einem Brennpunkt zusammenfaßten, mir da unddort Sorge bereiten konnten und zum Teil auch bereitet haben, so stand ichder höfischen Welt, die den Kaiser umgab, mit voller Unbefangenheitgegenüber. Gewiß war weder der Einfluß der Maison militaire noch jenerder eigentlichen Hofleute zu unterschätzen. Mit den Militärs, die sich inPolitik kaum einmischten und von Wilhelm II. gelegentlich auch in ihreSchranken zurückgewiesen wurden, wenn sie an dies Gebiet rührten, unddie zudem nach ihrer ganzen soldatischen Erziehung und ihrer ExtraktionLeute von fest umgrenzten Ehrbegriffen waren, auszukommen, schien mirnicht schwierig. Was die Hofchargen anlangt, so wußte ich hier zu gut Be-scheid, als daß ich von dieser Seite ernstliche Schwierigkeiten befürchtethätte. Die ängstliche Furcht vor dem „großen Hof", in der mein armerNachfolger gelebt hat, lag mir fern. „Ayant vecu dansleserail,j'enconnais-sais les detours." Mir konnte dies Milieu nicht imponieren. Überdies besaßich in der unmittelbaren Umgebung der Majestäten in dem Kabinettsratder Kaiserin, meinem alten Kriegskameraden Bodo Knesebeck, einen un-bedingt zuverlässigen Freund. Vor allem aber lag in der Persönlichkeit desOber-Hof- und Hausmarschalls, des Grafen August Eulenburg, die Gewährdafür, daß sich der Hof innerhalb der Schranken seiner Wirkungssphärehielt.
Er war ein würdiger Sproß jenes ostpreußischen Adels, der dem preu-ßischen Staat seit Jahrhunderten viele ausgezeichnete Männer in Krieg Augustund Frieden gestellt hat. Als 1813 die Provinz Ostpreußen sich gegen die Eulenhur S