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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ALTE HOF

Franzosen erhob und den König und das ganze Land mit sich fortriß, inunvergänglichen Worten hat es Heinrich von Treitschke im ersten Bandseiner deutschen Geschichte geschildert, stand der ostpreußische Adelvoran. Unvergeßlich sind die schönen Verse, die Max von Schenkendorf inseinemLied von den drei Grafen " den ersten Opfern im Heiligen Kriege,den Grafen Kanitz, Dohna und Gröben, gewidmet hat. Unser langjährigerBotschafter in St. Petersburg , General von Schweinitz, pflegte zu sagen,daß jeder preußische Königseinen Ostpreußen " gehabt hätte. Einer dertreuesten Paladine unseres alten Kaisers war sein langjähriger Adjutant,der bei Königgrätz und bei Gravelotte an seiner Seite ritt, Graf HeinrichLehndorff . Der hochgewachsene Mann mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart, wieman damals sagte, war eine der stattlichsten Erscheinungen des preußischenHofes. Die Sage ging, daß er in seiner Jugend viele Herzen gebrochen habe.Als älterer Mann heiratete er die schöne Gräfin Margarete Kanitz, mit derer in glücklichster Ehe lebte und die ihm unter drei Kindern einen unge-wöhnlich begabten Sohn schenkte, der für die Diplomatie bestimmtwurde, der eine große Zukunft vor sich sah, als er im Weltkrieg vor derFront der Gardekürassiere fiel. Der Vater, Graf Heinrich Lehndorff, hattemit unendlichem Takt und unbedingter Loyalität die amtlichen und per-sönlichen Beziehungen zwischen dem alten Kaiser und dem Fürsten Bis-marck betreut. Männer wie Graf Lehndorff , General von Lindequist, GrafFritz und Graf Louis Perponcher, General von Albedyll, Graf Stillfried,Graf Pückler, General Graf Alten, Fürst Anton Radziwill , General vonSteinäcker und manche andere gaben dem alten Hof sein vornehmes Ge-präge. Graf Heinrich Lehndorff hatte auch in politischen Fragen ein gutesund scharfes Urteil. Ich werde es mir immer zur Ehre anrechnen, daß dieserim besten Sinne des Wortes noble Mann mir in meiner Jugend ein freund-licher Gönner und in späteren Jahren ein gütiger Freund war. Die segens-reiche Rolle, die Graf Heinrich Lehndorff am Hofe des alten Kaisers ge-spielt hatte, war bei seinem Sohn, dem damaligen Kronprinzen und spä-teren Kaiser Friedrich , dem Grafen August Eulenburg zugedacht gewesen.Dieser war schon in jungen Jahren als Hauptmann im 1. Garderegimentzu Fuß dem Kronprinzen als Adjutant zugeteilt worden. Als sein Vorgänger,Major von Schweinitz, der spätere Botschafter in Petersburg , durch Eulen-burg abgelöst wurde, beschwor er die Frau Kronprinzessin, sich in einmöglichst freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis zu Eulenburg

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zu stellen: einen besseren Führer und Berater im Labyrinth der Berliner Intrigen wie gegenüber den Problemen und Rätseln der Politik als denGrafen August Eulenburg werde sie schwerlich finden. Eine Zeitlang ginges; dann ließ sich die hochbegabte, aber impulsive und dabei doch wiedernaive Frau von ihrem Kammerherrn, dem Grafen Seckendorff, gegen